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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik V 1931 Heft 7"

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 

V. Jahrgang Juli 1931 Heft 7 



ZUM 6. MAI 1931 

Es war der Wunsch Professor Freuds, daß keine Ehrungen und be- 
sondere Publikationen anläßlich seines 75. Geburtstages stattfinden. Auch 
die „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogie" beschränkt sich des- 
halb darauf, den Vortrag wiederzugeben, den ihr Schriftleiter am 
6. Mai auf Einladung der „Ravag" in Wien im Rundfunk gehalten hat. 

Sie alle haben besonders in diesen Tagen gehört, daß in unserer Stadt 
ein ganz mächtiger Geist wirkt und schafft, der den Ruhm Wiens in alle 
Welt getragen hat. Und auch, daß er ein großer Arzt für Nerven- und 
Geisteskrankheiten ist, der, wie man zu sagen pflegt, in den Ruhmeskranz 
der alten Wiener Schule ein neues Reis geflochten hat. 

Und so ist es auch. Freud war ein Schüler des Wiener Psychiaters 
Meynert, der den Bau des Gehirns und den Zusammenhang von Bau 
und Arbeit des Gehirns zu erforschen lehrte. Die Erforschung des Gehirns 
und Nervensystems als Grundlage der Krankheitslehre beschäftigte weiter 
die Wiener Schule; und der zweite Nachfolger Meynerts, Wagner- 
Jauregg hat, wie Sie wissen, als Organiker die schwerste Erkrankung 
des Gehirns, die progressive Paralyse, heilen gelehrt. Auch Freud wurde 
auf Grund von organischen Forschungen in frühen Jahren Dozent. Er hat 
aber an der Wiener Universität keine Klinik, also keine Arbeitsstätte ge- 
funden. Viel später hat er den Professorentitel bekommen. 

Dieser äußere Mißerfolg lag nicht an der Persönlichkeit des Mannes; 
er zeigte schon in jungen Jahren Aussehen und Auftreten eines „wahren 
Prinzen aus Genieland". Protektion, Erfolg, Karriere standen ihm offen. 
Daß es anders kam, daran war jenes innere Müssen schuld, welches einen 
Menschen über das bloße Talent erhebt. Es ist das innere Müssen, nicht 
es besser machen zu wollen als ein anderer, sondern sein Tun an der 
Wirklichkeit, und nur an ihr zu messen. Solche Menschen durchdenken 
das, was sie richtig beobachtet haben, so lange, bis sie es so erklärt haben, 
daß der Verlauf der Dinge mit der Erklärung übereinstimmt. Solches Fin- 
den und Richtigverstehen braucht aber Jahrzehnte zäher Arbeit und ent- 
sprechende Geduld. Dieses Kämpfen um die Erkenntnis ist an sich Lohn und 
Befriedigung. Aber Bedingung ist, daß man nur die Wahrheit sucht und 
ausspricht, und nie, weder sich noch anderen zu Gefallen, etwas anderes. 

Zeitschrift f. psa. Päd., V/7 233 17 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 

_ 




Freud wurde, wie es oft das Schicksal künftiger Führer ist, durch 
lange Zeit verlassen und verlacht. Verlacht und verlassen eben deswegen, 
was seinen unsterblichen Ruhm begründete. Freud hat nämlich jenen 
Kranken sich zugewendet, man kann sagen, sich ihrer erbarmt, welchen 
immer von den Ärzten, wie von anderen, nicht gut begegnet wurde. Es sind 
die Hysterischen und Nervösen, die Angstkranken und Verstimmten und 
Zwangsbeherrschten. Durch Jahrhunderte hat man die hysterischen Frauen 
als Hexen verbrannt; später wurden die Neuro tiker — man denke nur an 
die Kriegsneurosen — als Lügner und Simulanten geächtet. Freundlich 
behandelt wurde ein Hysterischer nur, so weit er falsch behandelt wurde, 
wenn z. B. eine hysterische Lähmung als Nervenentzündung verkannt 
wurde. Da die Neurosen immer häufiger geworden waren, wurde das letzte 
Jahrhundert oft geradezu als das „nervöse'* bezeichnet. Und so ist Freud 
der Erforscher und der Arzt für das Leiden seiner Zeit. 

Sein Gebiet wurde mehr und mehr alles funktionelle Kranksein. Daß 
wir organisch bedingtes und funktionelles Leiden unterscheiden, heißt nur 
folgendes: Bei vielen Erkrankungen können wir eine tatsächliche Ursache 
am Körper wahrnehmen, sei es mit dem bloßen Auge, sei es mit dem 
Mikroskop; oder wir finden z. B. Bakterien als Erreger. Bei vielen anderen 
finden wir nichts derartiges im Körperlichen, mögen die Lebensvorgänge, 
also die Leistungen der Organe, noch so sehr gestört sein; Leistung heißt 
aber auf Lateinisch Funktion und solche Krankheiten deshalb funktio- 
nelle. Seit die Naturwissenschaften in den Dienst der Medizin gestellt 
sind, also schon seit anderthalb bis zwei Jahrhunderten, ist es das Bemühen 
aller Forschung, naturwissenschaftlich faßbares Körperliches in allem Krank- 
sein möglichst zu suchen. Tatsächlich hat einer meiner Freunde, ein be- 
kannter Psychiater, Nacht für Nacht an Gehirnen mikroskopiert, um die 
Zellveränderungen bei der Hysterie zu entdecken. Wenn wir einander 
trafen, trieb er den fröhlichsten Spott darüber, daß ich mich der Psycho- 
analyse widmete. So fest waren auch die Besten ihrer Zeit überzeugt, man 
habe nichts zu tun, als die organische Ursache der Neurosen zu suchen. 
Alles andere Bemühen sei unärztlich, unwissenschaftlich. 

Selbst Charcot nahm wie selbstverständlich organische Veränderungen 
als die Ursache der Hysterie an, obgleich gerade er zeigte, daß ihre 
Symptome durch ein schweres Erlebnis oder durch Hypnose kommen und 
schwinden. Angeregt durch die Legons, die Krankendemonstrationen Charcots, 
und noch mehr durch eine bahnweisende Krankenbeobachtung Breuers, 
kam Freud, allerdings erst nach vielen eigenen Beobachtungen, zum um- 
gekehrten Schluß, nämlich, daß alle funktionellen Krankheiten seelisch 
bedingt seien; später kam die Erkenntnis dazu, daß auch bei den organischen 
Krankheiten die seelischen Vorgänge den Verlauf und Ausgang mitbestimmen. 
Damit hat Freud die Seelenkunde zum Mittel der Heilkunde gemacht. 
Die Seelenkunde aber, die er dazu brauchte, ist nicht die, welche er vor- 
gefunden hat. Sondern er hat forschend und behandelnd eine gesamte neue, 

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die psychoanalytische Psychologie geschaffen, von der viele neu 
entstandene Schulen gelernt und ihre Richtung genommen haben. Auch 
die Freudsche Behandlung ist grundverschieden von allen sonst verwendeten 
Behandlungen. Wir benützen keine Hypnose, wie es Breuer und Freud in 
gemeinsamer Arbeit taten; üben keine spezielle seelische Aufrichtung oder 
Bekehrung und Erleuchtung, mit der manche Ärzte wie andere Wunder- 
täter wirken. Über die psychoanalytische Methode selbst will ich nur sagen, daß 
dabei mit größter Aufrichtigkeit, ohne Auswahl und Verschub, unüberlegt, 
unbedacht alles, was dem zu Analysierenden, ohne Lenkung, an Einfällen 
kommt, dem Analytiker mitgeteilt wird. Die Analyse geschieht bei vollem 
Bewußtsein, mit nach innen gerichteter Aufmerksamkeit, mit möglichster 
Entspannung und unter Aufgeben des zielgerichteten Denkens. 

In der Methode liegt ein hoher sittlicher Wert, weil erstens die Heilung 
durch volle Wahrhaftigkeit erreicht wird, zweitens, weil der Arzt nur 
erklärt und die Zusammenhänge aufdeckt, den Kranken gleichsam begleitet. 
Der Kranke wird aber durch das eigene Bemühen gesund; er muß seine 
eigenen Widerstände überwinden und die entstandene Abhängigkeit wieder 
lösen. Immerhin ist die Psychoanalyse eine langwierige Nacherziehung, aber 
eine Nach-Selbsterziehung. 

Bei dieser Art mitzuteilen taucht immer mehr Vergessenes wieder auf, 
und es zeigt sich, daß wir gar nicht derart vergessen, wie man glaubte. 
Vergessenes bleibt, ohne daß man Jahrzehnte hindurch etwas davon wüßte, 
als „unbewußt" erhalten. Das war die methodisch grundlegende Entdeckung 
Freuds. Wir nennen mit ihm alles Vergessen, welchem nicht ein wirk- 
liches Aufhören der Erinnerung, sondern ihr Niederhalten im Unbewußten 
entspricht, „Verdrängen". Merkwürdigerweise behält nun das Verdrängte 
seinen Einfluß auf das Tun und Fühlen des Menschen; das Verdrängte 
hat die seelische Erkrankung unzugänglich gemacht gegen gewöhnlichen 
Zuspruch oder gegen den guten Willen des Kranken. Freud hat so die 
Teufel entlarvt, die die Hysterischen zufolge der Wissenschaft des Mittel- 
alters zu Hexen machten. Es sind fortwirkende Phantasien, Triebe, 
Wünsche, die vom Bewußtsein abgehalten wurden, und darum in einer 
Form, die wahnhaft, wild und kindhaft zugleich ist, zur Krankheit wurden. 

Wir können daher zusammenfassend sagen: Die Neurose hörtauf, wenn 
das Verdrängte bewußt gemacht wird. Weil die seelische Verursachung un- 
bewußt war und ist, deshalb konnten weder Kranke sie angeben, noch 
Ärzte sie finden. Deshalb suchte man nach allen möglichen Ursachen 
und fand so vieles Falsche. 

Jede Neurose bringt für den Kranken eine, allerdings teuer erkaufte, 
Erleichterung von jenem seelischen Konflikte, der zur Neurose führt. Es 
war ein wahrer Königsgedanke Freuds, als er erkannte, daß alle Neurosen 
der Abwehr eines unerträglichen innerlichen Wunsches dienen. Die 
Erleichterung besteht darin, daß dem Kranken Angst erspart wird. Diese 
Angst geht bis auf die Geburt und erste Trennung von der Mutter zurück. 

- 235 - 17 - 



Sie tritt als körperliche Angst, als körperliches Angstersatzsymptom oder 
als Gewissensangst und Sorge auf. Je besser die Neurose vom Unbewußten 
aufgebaut ist und festgehalten wird, desto besser wird das Auftreten der 
Angst durch sie verhütet. Um der Angst zu entgehen, leistet der Kranke 
Widerstand gegen die Heilung, ohne seinen Willen, von selber. Er flieht 
während der Behandlung in die Krankheit, was er schon in der Kindheit 
getan hat. Der von Freud aufgestellte Begriff: Flucht in die Krankheit, 
ist heute allgemein gebraucht; ist die Neurose einmal gebildet, dann 
dient sie dem Kranken auch zum Durchsetzen verschiedener Vorteile 
gegenüber seiner Umgebung. Der Kranke zieht aus seinem Leiden 

Krankheits gewinn. 

Die Art, wie die verschiedenen Neurosen und auch die Geisteskrank- 
heiten sich im Unbewußten bilden, wie sie vom Bewußtsein aufgenommen 
werden, das ist bei diesen Krankheiten sehr kompliziert, so namentlich 
bei Zwangsneurosen. Diese Forschung über das Entstehen der unterschied- 
lichen Neurosen und Psychosen hat gleichzeitig die Gesetze der unbewußten 
Vorgänge entdecken lassen. In diesem Werke Freuds sieht der Fachmann 
seine größte, von keinem vor ihm erreichte und wahrscheinlich nie mehr 
wiederholbare ärztliche Leistung. Denn erst durch das Verstehen der Vor- 
gänge bei der Entstehung des Leidens kann das Leiden der Analyse 
weichen. Einmal darauf aufmerksam gemacht, daß es Verdrängtes, und 
zwar ein so bedeutsames Verdrängtes im Menschen gebe, hat Freud unter- 
sucht, woher das Verdrängte stamme und woher die Kraft des Verdrängten 
komme, krank zu machen, und weiter, wie denn das Verdrängte beim 
Gesunden sich verhalte, und ob es nur krank mache, oder auch fruchtbar 
wirke. Dann fragte er weiter, welche Kräfte denn die Verdrängung bewirken. 

Die Antworten auf diese Fragen wurden ganz allmählich von ihm ge- 
funden. Er konnte das, weil ja die täglich fortgesetzte Psychoanalyse in 
oft jahrelanger Dauer das ganze Leben, Schicksal und Entwicklung der 
verschiedensten Menschen vollständig vor ihm aufrollte. Von den ver- 
schiedensten Störungen, Krankheiten und Fähigkeiten, von ihrer Verbun- 
denheit mit der Umwelt, mit ihrem Ursprung, mit ihrem Liebesleben, 
ihrem Lebenskampfe, ihrem bürgerlichen Beruf, jeweilig auch ihrem 
Künstlertum oder ihrem Verbrechertum und Wahnsinn: Von allem wurde 
nicht nur der bewußte, sondern auch der unbewußte Zusammenhang ihres 
Seins und Werdens vor Freuds seherischem Geiste ausgebreitet und von 
ihm in klaren Worten der immer mehr ihn bewundernden Mitwelt er- 
klärt und gedeutet. Die Kultur der ganzen Welt breitete sich vor ihm aus. 
Nichts war ihm zu gering, um es zu seinem Forschungsgegenstand zu 
machen, immer mit dem einen Verlangen, nie mit dem oberflächlich 
Sichtbaren und darum Halben sich zu begnügen, sondern stets das Un- 
bewußte zu enthüllen, denn im Unbewußten war des Guten wie des 
Bösen Quelle, der Ursprung der Gesundheit wie des Leidens, des Wahn- 
sinns wie der Kunst zu suchen. 

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Darüber hat aber Freud nie das Bewußtsein und dessen Kräfte über 
sehen. Seine Psychologie hat auch über das Bewußtsein und das Ich, über 
Charakter und Persönlichkeit das Wesentliche gelehrt, oder die Wege zur 
fruchtbaren Forschung gewiesen. 

Woraus besteht das Verdrängte? Es ist das Vergangene, das in der Ent- 
wicklung jedes Menschen und der Menschheit mühsam Überwundene. Das 
Kind und der Wilde, sie sind in uns in unbewußter Gegenwart fort- 
wirkend. Und sie müssen gut verdrängt und dauernd unbewußt sein, damit 
der Erwachsene sich normal benehmen könne (oder sie müssen vom er- 
wachsenen Bewußtsein voll erkannt und beherrrscht werden). So ist das 
ganze Aufwachsen des Menschenkindes und der Menschenkindheit Gegen- 
stand der Psychoanalyse geworden. 

Es ist langwierig und schwer, einen Erwachsenen zu heilen. Aber das 
Verhüten der Neurose, und zum Teil auch der Geisteskrankheit, der spä- 
teren Verwahrlosung, des Verbrechertums gelingt der psychoanalytisch ver- 
stehenden Hygiene, dem seelischen Schutz der Kinderstube, der psychischen 
Assanierung des Milieus. Bereits heute gibt es ebensoviel Psychoanalytiker 
unter den Pädagogen und Fürsorgern wie unter den Ärzten. Jede Neurose 
und vielleicht auch jede Geisteskrankheit beginnt mit einer Kinderneurose, 
die freilich unter bestimmten Bedingungen mit der Erstarkung der Persön- 
lichkeit wieder verschwinden kann. Die frühe Heilung erspart dem Neu- 
rotiker die ganze Schicksalsnot. 

Woher kommt die Kraft des Verdrängten? Sie stammt aus den Trieben. 
Erst Freud hat eine Triebkunde des Menschen geschaffen. Vor allem hat 
er zuerst die verwirrende und unbegreifliche Fülle des Geschlechtslebens 
erklärt. Seine „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" sind ein dünnes 
Büchlein. Aber in manchen Schriften verlangt jeder Satz das Weiter- 
erforschen vieler Gelehrten, um erschöpft zu werden. Wenn Faust sagt: 
„damit ein Herrliches entstände, genügt e i n Geist für tausend Hände", so hat 
Freuds Genius für tausend Geister Arbeit in Fülle geschaffen. 

Die Fortsetzung der Trieblehre Freuds ins Psychologische ist seine be- 
rühmte Libidolehre. Unter Libido versteht man alle Kraft, welche vom 
Geschlechtstrieb körperlich und geistig ausgeht. Am schwersten war es, die 
Entdeckung Freuds zu glauben, daß schon die Kinder sexuell sind. Hat 
man aber einmal den Widerstand dagegen überwunden, so findet jeder 
Bestätigung dafür in seiner eigenen Erfahrung. Jeder hat es schon gewußt, 
aber seine Erfahrung als eine Ausnahme betrachtet. Doch schon Diderot 
hat gesagt: „Hätte der kleine Knabe in der Wiege die Kraft des Mannes, 
er würde die Mutter zu sich ziehen und den Vater töten." Das ist der 
Kern der alten Griechensage vom König ödipus; darin hat Freud den Kern- 
konflikt der Neurose erkannt und auch die Quelle der schwersten Kon- 
flikte des einzelnen und der ganzen Menschheit. Unsere Kultur ist dadurch 
entstanden, daß immer wieder Söhne und Väter miteinander wetteifern, in 
unbewußter Rivalität um die Mutter. Jede Beziehung aus der Kindheit zu 

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einem der Eltern wird durch das ganze Leben auf immer neue Menschen 
übertragen. In der Analyse geschieht diese Übertragung auf den Arzt. 
Daß sie hier bewußt gemacht und erledigt wird, ist eine der wichtigsten 
Heilfaktoren. Vom Ödipus-Komplex aus hat Freud die Mythen- und Religions- 
wissenschaft und viele andere Zweige der Kulturwissenschaft und Anthro- 
pologie mächtig angeregt. Sein „Totem und Tabu" zeigt das gleiche Ver- 
halten bei den sogenannten Wilden Völkern und bei den Neurotikern auf und 
erklärt die Urgeschichte der Menschheit durch die Kenntnis der Neurotiker. 
Auch das Liebesleben hat Freud als erster zum Gegenstand der 
Wissenschaft gemacht, und damit seinen Teil dazu beigetragen, daß 
es heute nicht mehr nur sentimental und romantisch aufgefaßt wird, 
sondern ein ernster Gegenstand der Gesellschaftskunde wurde. 

Nie aber hat Freud die Sexualität allein in Betracht gezogen. Wohl 
sind die Sexualwünsche Hauptinhalt des Verdrängten. Das Verdrängende 
aber ist das Ich; seine Kraft geht von den Ichtrieben aus. Die Verdrängung 
geschieht im Auftrage sozusagen des Über-Ichs. Dieses ist ein unbewußter 
Teil des Ichs und ist in der Kindheit dadurch entstanden, daß die das 
Kind übermächtig regierenden Eltern vom Kinde in die eigene Person auf- 
genommen wurden. Immer entscheidet über Gesundheit und Krankheit, 
ob der Konflikt zwischen den Ichtrieben und den Sexualtrieben zu einem 
angstlosen und von Haß und Schuldgefühl nicht zu sehr beladenen Siege 
des Ichs geführt hat. Dieser Sieg wird dadurch erleichtert, daß ein Teil 
des Liebestriebes dem Ich selber zugewendet wurde. Diesen sexuellen An- 
teil am Ich hat Freud Narzißmus genannt. Es war einer seiner frucht- 
barsten Funde, denn von ihm aus hat er die Geisteskrankheiten erforscht 
und sein Buch über „Massenpsychologie und Ich-Analyse'" geschrieben, das 
die Gesellschaftswissenschaft noch mehr zu fördern verspricht, als es schon 
getan hat. 

Freud hat beim Analysieren eine Reihe von Merkwürdigkeiten beachtet, 
die nicht Krankheit sind. Das ist vor allem der Traum. Ihn zu verstehen 
heißt schon das Unbewußte verstehen. Allerdings verlangt Freuds unheim- 
lich tiefes Buch über „die Tr aumdeutung" wirkliche Versenkung 
in den Gegenstand und auch einige Vorbildung. Ebenso schwierig ist auch 
das Verständnis des Buches über den „Witz und seineBeziehung zum 
Unbewußten". Die richtige Einführung hingegen in die psychoanalytische 
Psychologie sind Freuds „Vorlesungen'* und sein Buch über die 
„Psychopathologie des Alltagslebens"; dieses enthält lauter 
Miniatur-Analysen. Hier werden nämlich alle die scheinbar zufälligen und un- 
wichtigen Irrtümer analysiert, die jedem so leicht passieren: Das Vergessen, 
Verschreiben, Verhören, "Verlesen, Versprechen; Verlieren von Gegenständen, 
Erinnerungstäuschungen, aber auch die zufälligen Unfälle und mancher 
Aberglauben. Es sind das Störungen, in denen der Gesunde jenen Kräften 
vorübergehend nachgibt, die den Neurotiker ernst und dauerndkrank machen. In 
diesen Entgleisungen erledigt man einen inneren Konflikt, ohne es zu wissen, 

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wehrt damit etwas Unbekanntes ab, befreit sich durch eine Handlung, deren 
Sinn man nicht versteht. Nichts aber geschieht in der Seele durch Zufall, 
auch nicht das Kleinste. Alles ist bestimmt, begründet und sinnvoll. 

Ich mußte Vieles unerwähnt lassen, Vieles habe ich nur gestreift. Zu- 
sammenfassen kann man das Werk Freuds: 

1) Er hat das unbewußte Seelenleben und seine Gesetze gefunden; 
2.) er hat die Neurosen als sinnvolle Erscheinungen der Abwehr ver- 
drängter Regungen, die sich zum Teil durchsetzen konnten, erkannt; 

3) er hat die absolute Bedingtheit (Determiniertheit) alles psychischen 
Geschehens an Stelle des Zufalls gesetzt; 

4) er hat, was ich hier nicht ausführen konnte, an Stelle der früheren 
Statik die Dynamik des Seelischen nachgewiesen; 

5) sein Werk dehnt die naturwissenschaftliche Betrachtung der Ent- 
wicklungslehre und der Energetik auf das Seelische aus. 



Ich las kürzlich in einem Buche, aufgerüttelt und umgestaltet sei unser 
Leben worden vor allem durch den Weltkrieg und durch die Psychoanalyse. 
Beide hätten der Menschheit unlösbare Aufgaben gestellt! Beide haben alte 
Ordnungen unmöglich gemacht, ohne neue zu bringen. 

Dem ist zu erwidern: die Psychoanalyse hat nur aufgedeckt, die 
größte Weisheit und der tiefste Forscher können nichts anderes, als die 
Natur entschleiern. Freud hat aufgedeckt, was als Widerspruch und Ge- 
heimnis seit Jahrtausenden, seit Beginn aller Ordnung und aller Kultur 
die Menschheit belastet hat, die Schwachen gequält hat und gehemmt auch 
den Stärksten. Jeder, der Freuds Werke liest, staunt auch darüber, daß mit 
der einfachen Methode des geduldigen Lauschens auf Krankenbeichten Ent- 
deckungen gemacht wurden, die für die größten Menschheitsnöte zwar 
nicht den Weg der Erlösung, aber den Weg zu ihrer Beherrschung weisen. 
Manches von dieser Hoffnung wird bereits erfüllt. Viel mehr wird erfüllt 
werden, wenn die Notwendigkeit psychoanalytischer Schulung für alle ein- 
gesehen wird, deren Beruf an Menschen, nicht bloß an „Sachen" ausgeübt 
wird. Also bestimmt für alle Erziehung, Fürsorge, Rechtspflege, Irrenpflege, 
Heilkunde. Ich würde noch die Politik hinzufügen; doch das gehört schon 
zur Zukunftsmusik, die ich jetzt anstimmen will: Ich sehe die Zeit kommen, 
in welcher der größte Teil allen Menschenstreites, der heute Kräfte ver- 
braucht und unsere Not vermehrt, aufhören muß, weil seine Motive von 
zu vielen durchschaut werden. Wenn das Unbewußte hüllenlos erkannt 
sein wird, dann können all die verhüllenden Ideologien und Illusionen 
nicht mehr die Menschen trennen, nur sie vereint interessieren. Und die 
verbleibenden Gegensätze der Interessen werden nach Recht und Billigkeit 
durchgekämpft werden können, nach einem Rechte, welches die Gesellschaft 
der jeweils Unbeteiligten verteidigt. 

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Denn kein Vorwurf trifft uns so wenig, wie der, daß die Tätigkeit der 
Psychoanalyse die Kultur angreife, das Tierische entfessele. Nein: Die Psycho- 
analyse setzt neue Kräfte ein zum Schutze des Menschlichen, sie erst lehrt 
alle die Kräfte richtig verwenden, weil sie den unbewußten Gegner, mit 
dem der Innenkampf des Menschen ständig geführt wird, geführt werden 
muß, sichtbar und faßbar gemacht hat. Beim so besser beherrschten Menschen 
werden weniger Zwang und Gesetz notwendig sein. 

So reiht sich Freud durch seine psychologische Erkenntnis an die großen 
Rechts- und Friedensstifter des Menschengeschlechtes an. 

Dr. P. F. 



Psychoanalytische Äußerung über einen jugendlichen 
Gewohnheitsdieb, Morphinisten und Totschläger 

Von Pfarrer Dr. Oskar P fister, Zürich 

Die nachfolgende Äußerung wurde — in einer Stadt der Vereinigten Staaten von Amerika — 
erbeten von einer offiziellen städtischen Kommission, die aus den Vorstehern des Schul-, Gesund- 
heits-, Polizei- und Wohlfahrt swesens, sowie aus den amtlichen Schülerberatern besteht. Behörden 
und Private hatten sich unendlich viel Mühe gegeben, der beginnenden Fehlentwicklung des 
Burschen, um den es sich handelt, zu wehren. Der erlittene Mißerfolg legte den maßgebenden 
Instanzen den Wunsch nahe, durch einen Psychoanalytiker zu erfahren, ob bei der Erziehung 
des jugendlichen Verbrechers Fehler begangen worden seien, ob die bedauerliche Laufbahn bei 
Anwendung anderer Mittel zu vermeiden gewesen wäre, und ob jetzt noch Hoffnung auf Heilung 
vorhanden sei. Mein Gutachten wurde zunächst für Hörer und Leser bestimmt, die von der 
psychoanalytischen Erziehung wenig wissen, und ist daher elementar gehalten. 

I) Vorberidit 

C. X., geb. am 8. Juli 1909, entwickelte sich langsam zu einem hoch- 
gewachsenen, aber schmächtigen, intellektuell normalen, aber unter dem 
Durchschnitt stehenden Schüler. Der Vater, ein Mechaniker, zeichnete sich 
durch nervöse Reizbarkeit aus, meinte es aber gut mit seinem Sohne. Die 
Mutter, stellvertretende Lehrerin an der Schule, in der unser Analysand 
unterrichtet wurde, leitete zum größten Teil die Erziehung. Sie soll eine 
ruhige, aber phlegmatische und energielose Frau sein, deren Gesundheit 
zu wünschen übrig läßt (Bericht vom 3. September 1923). Man soll es dem Jungen 
zu fühlen gegeben haben, daß er der Schwächling der Familie sei, seine 
Gemütsansprüche wurden angeblich zu wenig befriedigt (Bericht an das 
Polizeiamt vom 27. Oktober 1925). Die beiden jüngeren Geschwister sollen 
bevorzugt worden sein. 

— 240 - 



In seinen ersten Jahren war C, wie man versichert, ein sehr liebes Kind 
(Bericht vom 16. Dezember 1922). Allein schon in der Schule zeigte sich 
bald eine Gemütsart, die zu disziplinarischen Eingriffen führen mußte. Der Junge 
verfügte über viel Zuckerzeug und Geld, dessen Herkunft den Eltern dunkel 
blieb, auch trieb er sich abends oft lange auf den Straßen herum, ohne 
daß die Eltern es hindern konnten. In den Schulen wird über schlechte 
Arbeiten und schwere Lenkbarkeit geklagt (Bericht vom 24. Mai 1925). 

Am 18. August 1922 stahl der Dreizehnjährige einen Radioapparat, wurde 
jedoch nicht gerichtlich bestraft, dagegen vom Jugendgerichtshof zur Über- 
gabe in eine Besserungsanstalt empfohlen (Bericht vom Oktober 1922). 

Am 22. Dezember 1922 wünschte eine Lehrerin eine psychiatrisch-neur- 
ologische Untersuchung des Knaben, der ein Notizbuch entwendet und den 
Namen des Besitzers ausgekratzt habe, seit vier Monaten reizbar sei und 
wie ein Kind weine. Bemerkenswert ist, daß die Kameraden ihn „Napoleon" 
oder „General" nennen, und daß er zu seinen Eltern kein Vertrauen hat. 
Das neuropsychiatrische Institut der Universität erklärte ihn für normal, aber 
schwach begabt (Bericht v. 19. Dezember 1922). 

In der W.-Schule wird am 24. Mai 1923 gerügt, daß er sich geistig 
nicht konzentriere, dumme Streiche mache, stehle, aber mit den Lehrern 
familiär sein wolle. Zu diesen dummen Streichen gehört, daß er sich öfters 
den Autos in den Weg stellt, um sie aufzuhalten. Bemerkenswert ist die 
Notiz eines Lehrers, der Schüler sage, er wollte gerne ein besserer Junge 
werden; er wisse nicht, warum er so handle, wie er es tue. Am 31. Mai 
1923 schreibt ein Lehrer, C. habe sich beim Turntanz mit schweren 
Schuhen unter die Tänzer gemischt und zeitweilig sein Messer mit offener 
Klinge hervorgezogen. 

Am 3. September 1923 berichtet die nächste Schule, an die der im 
früheren Institut wegen zu geringer Leistungen und schlechter Aufführung 
unmöglich gewordene Bursche übergeleitet worden war, er benehme sich wie 
zuvor als böser Junge; zweimal habe er versucht, einen Menschen zu töten; das 
letztemal habe er mit einem „Eversharp" die Hand eines Kameraden durchstoßen. 
Daher habe der Psychiater die Zuweisung an diese Schule vorgeschlagen. Die 
dummen Streiche hatten nicht aufgehört. Der Knabe sprang auf vorüberfahrende 
Straßenbahnzüge und verließ sie wieder, verursachte falschen Feueralarm, warf 
Zuckerzeug und Nägel gegen Lichtbildschirme und ließ sich fortgesetzt 
kleine Diebstähle zu Schulden kommen. Deswegen erfolgte der Antrag, den 
für die übrigen Schüler gefährlichen vierzehnjährigen Knaben aus dieser 
Schule zu entlassen. Es wird ihm vorgeworfen, er treibe Selbstmißbrauch, 
schlage andere Jungen, schenke gewissen Mädchen unerwünschte Aufmerk- 
samkeit und sein Polizeiakt werde immer länger. Auch sexuell perverse 
Tendenzen werden ihm nachgesagt, doch erfahren wir nicht, worin sie 

bestehen. 

In den mir zur Verfügung gestellten offiziellen Akten finde ich keine 
wichtigen ärztlichen Angaben bis zum 21. September 1925. An diesem 

- 241 - 



Tage berichtet Dr. M., C. leide an Kopf- und Magenschmerzen: erstere 
sollen durch vieles Lesen verursacht worden sein. Wenige Wochen später 
(16. Oktober 1925) berichtet ein Lehrer von der B.-Schule, der Bursche 
habe ein Fahrrad gestohlen. Ein anderer Psychiater berichtet dem städtischen 
Polizeidepartement (27. Oktober 1925), es handle sich wahrscheinlich um 
einen konstitutionell psychopathischen Minderwertigen. Es wird empfohlen» 
den Eltern mitzuteilen, daß der Knabe größerer Aufmerksamkeit von Seiten 
seiner Familie bedürfe, diese solle ihn öfters auf Ausflüge oder Reisen 
mitnehmen, er möge auch für gute Erholung interessiert werden, z. B. bei 
den Pfadfindern oder im Christlichen Verein junger Männer. In sexueller Be- 
ziehung müßte er umerzogen und zu körperlicher Arbeit angehalten 
werden. Am besten wäre es, wenn ein außerhalb der Familie stehender 
Mann ihn erleben ließe, daß er sich für ihn interessiert, damit sein Minder- 
wertigkeitsgefühl nachlasse. 

Von da an lassen die amtlichen Papiere im Stich, mit Ausnahme der 
Polizeiakten, die nun aber allerdings eine unglaubliche Reichhaltigkeit 
aufweisen. 

Auch in der Mittelschule bewährte sich C. schlecht. In den letzten Jahren 
war der Jüngling in verschiedenen Geschäften tätig, meistens aber hielt er 
sich von der Arbeit fern, da man ihn nirgends brauchen konnte und seine 
Gesundheit zu wünschen übrig ließ. Außer einem Beinleiden, das von 
einem Unfall herstammte, störte ihn ein Lungenleiden. Der Drang zu krimi- 
nellen Handlungen wurde eher stärker als schwächer. 

Am 8. Januar 1929 meldete das städtische Tagblatt, der zwanzigjährige 
Jüngling habe der Polizei telephoniert, er stehe im Begriff, Selbstmord zu 
begehen, man werde ihn nur als tot auffinden. Die herzugeeilte Polizei 
fand ihn, nachdem er den Gashahn aufgedreht und sich zum Sterben hin- 
gelegt hatte, bewußtlos. Als Motiv wurde angegeben, daß er nicht Flieger 
werden könne. 

Es verdient Beachtung, daß C. die ganze Zeit über zum Polizeipräsidenten 
in einem seltsamen Verhältnis stand. Oft suchte er ihn in seinem Amts- 
raume auf und bat ihn um Arbeit, die ihm in gütiger Weise verschafft 
wurde. Es machte auf den Burschen einen tiefen Eindruck, daß er nie ein 
Wort des Tadels hörte, wenn er wegen eines neuen Deliktes eingeliefert 
wurde, sondern stets derselben Güte, demselben menschenfreundlichen Inter- 
esse begegnete. Dennoch nahmen die Diebstähle überhand. 

Siebzehnjährig liebte er ein Mädchen. Es erfuhr jedoch durch 
einen Polizeimann von den Bestrafungen des Jünglings und wandte 
sich von ihm ab. Vom Oktober 192g bis zum Februar 1930 will er ein 
sexuelles Verhältnis mit einem Mädchen unterhalten haben, doch ist wahr- 
scheinlich, daß es nicht das einzige ist. Das schlimmste Erlebnis erzählt 
der junge Mann folgendermaßen: 

Am 4. September 1 950 wurde er beim Besuch im Hause der Schwester 
eines Freundes von deren Gatten überrascht. Nur drei- bis viermal will er 

— 242 — 



sie vorher gesehen haben. Der Mann war zwanzig Tage von ihr entfernt 
gewesen. Bei seinem unerwarteten Eintreffen geriet der äußerst kräftige 
Mann in Wut und bedrohte seine der ehelichen Untreue bezichtigte Gattin 
mit einem Bügeleisen (Glätteisen). C. wollte sie beschützen, obwohl er mit 
seinem schmächtigen, schwächlichen Körper und einem durch einen 
Unfall mit nachfolgender Operation geschwächten Arm und Bein gegen 
den Rasenden nicht aufkommen konnte. An der Kehle gewürgt und 
am Leben bedroht, griff er zum Taschenmesser und versetzte dem Gegner 
neben einer Anzahl kleiner Wunden vier tiefe Stiche, die zum Tode führten. 
Die Polizeiakten ergeben folgende Übersicht: 

1924 

8. August: Durch unbekannten Automobilisten wegen Unarten geschlagen. 

1925 
12. März: Velo gestohlen. 
18. März: Bubenstreich an Tramschienen. 

1926 
14. Juli: Kurz nach Entlassung aus der Haft Versuch, Autobestandteile (Glocke und 
Batterie) zu stehlen. 

26. Juli: Meldung, daß solche Versuche öfters unternommen wurden. 

1927 
5. August: Führt ohne Fahrbewilligung ein Auto. 
21. August: Stoßt mit Tramwagen zusammen. 

1928 

7, Januar: Suizidversuch. 

20. Februar: Verdacht, Steine in einen Eisenbahnzug geworfen zu haben. 
2. März: Werkzeug gestohlen. 

9. März: Andere gestohlene Güter werden in seinem Hause entdeckt. 
9. Juni: Ruhestörung. 

>9 2 9 
18. April: Autozusammenstoß. 

2. Mai: Betrunken von der Straße eingeliefert. 29 Tage Gefängnis, vom 1. Juli an. 
24. August: Autounfall; Kiefer der Begleiterin gebrochen. 
1. Oktober: Unerlaubtes Eindringen in fremden Besitz. 

8. November: Drohung mit Tötung. 

16. November: Tolle Vergnügungsfahrt. 

5. Januar: Kauft Arsenik unter fingiertem Namen. 

6. Januar: Angezeigt wegen Konkubinats, beschmierte den Penis eines Knaben mit 
Teer oder Fett, trägt Pistole, bedrohte den Denunzianten [mit Erschießen. Andere 
Todesandrohungen. 

18. Februar: Verdächtiges Herumschleichen. Belästigung junger Mädchen. Uner- 
laubtes Herauf- und Herunterklettern an den Feuerausgängen (Leitern) eines Hauses, 
in dem er nichts zu schaffen hatte. Gefängnis vom 19. Februar bis 19. April wegen 
Friedensstörung. 

4. September: Totschlag. 

- 243 — 



Wir beobachten eine ansteigende Zunahme der gesetzwidrigen Handlungen nach 
Frequenz und Grad. 1927: drei Konflikte, 1928: fünf, 1929: sechs, 29 Tage Gefängnis, 
1930: erste Hälfte, drei, 60 Tage Gefängnis; dann Totschlag mit Untersuchungshaft 
bis zu den Gerichtsverhandlungen vom 1. November. Dahinter stecken zahlreiche 
der Polizei verborgene Delikte und asoziale Handlungen. 

Die Behörden taten für G. X. erstaunlich viel. Die Akten weisen nur für medi- 
zinische Behandlung über 130 Eintragungen auf. Hinzu kommen große Aktenstöße 
der Schul- und Wohlfahrtsinstanzen. C. war fortgesetzt ein Gegenstand menschen- 
freundlicher Fürsorge. Man unterließ nichts, aber auch gar nichts, ihm zu helfen. 

II) Vorläufige psychoanalytische Begutachtung des Falles 

Wir stehen vor der Tatsache, daß ein einundzwanzig] ähriger Mann, 
Sohn rechtschaffener Eltern, trotz anerkennenswerter, mit unendlicher Ge- 
duld fortgesetzter Bemühungen zum Gewohnheitsdieb und Totschläger herab- 
sinkt. Das Interesse des Psychoanalytikers richtet sich auf die Hauptfragen : 
Wie erklären wir diese Entwicklung? Handelt es sich um angeborene 
moralische Minderwertigkeit, so daß wir einen moralisch Schwachsinnigen 
vor uns haben? Oder haben wir es mit einem kranken Menschen, einem 
Neurotiker, Psychopathen oder mit einem Geisteskranken zu tun, der unter 
unwiderstehlichem Zwang stand? Damit hängt die Frage zusammen: Ist 
es denkbar, daß der Jüngling korrigiert werden könnte, oder ist er als un- 
heilbar, bzw. unverbesserlich anzusehen? 

Da sowohl der Polizeidirektor als auch der stellvertretende Superintendent 
des städtischen Schulwesens mich um mein Gutachten von psychoanaly- 
tischem Standpunkt aus baten, besuchte ich C. X. am 9., 15. und 15. Oktober 
1930. Die je 1 bis 1 l / a Stunden dauernden Unterredungen sowie eine Be- 
sprechung mit den Eltern und dem Bruder reichten nicht aus, ein nach 
allen Richtungen befriedigendes Bild zu entwerfen, geben aber doch manche 
wichtige Auskünfte, die eine ursächliche Beurteilung und Diagnose des 
jugendlichen Verbrechers in den Grundzügen ermöglichen. Es wäre jedoch 
zu wünschen, daß die vorgenommene Untersuchung in manchen Punkten 
ergänzt und vertieft würde. Wir beschränken uns vorläufig auf eine sum- 
marische Entwicklungsgeschichte und schließen an sie eine Dia- und 
Prognose an. 

a) Die Entwicklung zum Verbrecher 

G. soll ursprünglich „ein sehr liebes Kind" gewesen sein. Die Eltern 
stritten nach Angabe des Sohnes sehr viel, was bei der nervösen Reizbarkeit 
des Vaters als glaubwürdig erscheint. Die Strafen waren streng und erregten 
beim Kinde Grimm, werden aber heute von ihm als verdient anerkannt. 

Über die für die Charakterbildung überaus wichtige Stellung zu den 
Eltern geben einige Träume Aufschluß. Sie sind schon deswegen wichtig, 
weil sie unmöglich erlogen sein können, und erlangen dadurch verstärkte 
Bedeutung, daß sie sich wiederholten. Solche „stereotype" Träume ent- 

— 244 — 



halten nach vielfacher Erfahrung stets den zentralen Konflikt, der ein 
Kindergemüt beunruhigt. Ferner waren sie mit Angst verbunden und 
wurden daher als Albdrücken (nightmare) bezeichnet. 

Mit acht bis neun Jahren träumte C. : „Ich sehe einen Automobilunfall. 
Mein Vater wird getötet". Den Vater behauptet der Jüngling über alles 
zu lieben. Er will ihm angeblich alles zuliebe tun. Nach der Traumtheorie 
enthält der Traum jedoch unzweifelhaft den Wunsch, daß der Vater 
einem Unglück zum Opfer falle. Also wäre der Haß echt, die Liebe aber 
nur geheuchelt? Es wäre unrichtig, diesen Schluß zu ziehen. Vielmehr 
wissen schon einzelne große Dichter so gut wie die modernen Tiefen- 
psychologen, daß in den Träumen sehr oft auftaucht, was vom Bewußtsein 
als unstatthaft abgelehnt wird. Der Todeswunsch wurde offenbar auch von 
C. verdrängt, d. h. ins Unbewußte geschoben. Hier aber glomm er, wie 
ein von Staub zugedecktes Feuer, weiter. Sehr oft findet sich solch ver- 
drängter, dem Bewußtsein fremder Haß gerade bei der intensivsten Liebe 
vor. (Vgl. mein Buch „Die Liebe des Kindes und ihre Fehlentwicklungen", 
Deutsche Ausgabe, Verlag Ernst Bircher, Bern, 19,22, S. 77 — 86; eng- 
lische Ausgabe Allen & Unwin, London, p. 128 — 141.) 

Aus einem anderen Traum erwacht der Knabe angstvoll in dem Augen- 
blick, wo das Auto der Eltern mit einem Zuge zusammenstoßen wird. 

Ein anderer Traum aus derselben Zeit lautet: „Ich befinde mich in 
irgendeiner schwierigen Lage. Plötzlich kommen meine Eltern auf mich zu. 
Statt sich aber zu nähern, gehen sie langsam fort. Ich weine und denke, 
sie sollen zurückkommen. Dann wache ich schweißgebadet auf. " Dazu pro- 
duziert der Träumer folgende Einfälle: „Immer, bevor ich in eine schwie- 
rige Lage gerate, z. B. verhaftet werde, oder etwas Böses tue, spüre ich 
einen Druck auf der Brust. Das Herz wird mir schwer. Auch vor dem 
Totschlag war es so, oder vor einem Autounfall. Im Traum gehen 
die Eltern von mir fort und ich weine; sie scheinen mich bei sich haben 
zu wollen, können aber nicht zu mir kommen. Etwas scheint mich hier 
zu halten, und etwas stößt sie gerade von mir weg. Dann wache ich auf 
in kaltem Schweiße und am ganzen Leibe zitternd. 

Der Traum ist sehr aufschlußreich. Er zeigt die ambivalente, antago- 
nistische Einstellung des Sohnes. Einerseits wünscht er, daß die Eltern zu 
ihm kommen, andererseits wünscht er jedoch ebenso, daß er durch eine innere 
Macht von ihnen ferngehalten werde und daß etwas sie von ihm wegstieße. 
Damit ist das Doppelspiel von Liebe und Haß gezeigt. Unmöglich hätte 
der Jüngling solchen Traum erfinden können, da er die Traumtheorie 
selbstverständlich nicht kennt. Auch die Angst und das Zittern konnte er 
nicht erfinden, sie müssen tatsächlich sein. Damit ist aber die enorme 
Intensität des Konfliktes zwischen Liebe und Haß gegen die Eltern be- 
wiesen. Nur bei starker Liebesstauung, verbunden mit Schuldgefühl, 
entsteht Angst (vgl. 1, Johannesbrief, Kap. 4, Vers 18). Es mag hinzu- 

— 245 — 



gefügt werden, daß C, während er in meiner Gegenwart den in Anführungs- 
zeichen wiedergegehenen Satz niederschrieb, nasse Augen bekam. Der in 
die Richtung der Hysterie deutende Zug, den die Lehrerin am 22. De- 
zember 1922 meldete, die Neigung zum Weinen, bestätigt, daß tatsächlich 
Liebe zu den Eltern vorhanden war, als der Knabe träumte, und daß sie 
heute noch existiert, aber durch verdrängten Haß gelähmt wird. Daß der 
Haß bewußt sei, ist unbewiesen; daß er vom Unbewußten aus den Traum- 
inhalt mitbestimmt, ist gewiß. 

Die Automobilträume, in denen der Vater ums Leben kommt, erklären 
es auch, weshalb der junge Sohn sich Autos in den Weg stellt und Auto- 
unfälle erleidet: Er will den Vater ärgern und sich selbst bestrafen. 

Die Gewissensbisse verrät ein anderer Traum: „Ich falle über eine 
Klippe, aber langsam, und erwache angstvoll, nervös und schwitzend". Der 
Traum vom Fallen ist nach zahlreichen Erfahrungen häufig, aber durchaus 
nicht immer im moralischen Sinne zu verstehen, wie die so oft vor- 
kommende entsprechende Angst, auf Treppen, in Bergen usw. zu fallen. 
Oft drückt das Symptom den Wunsch nach moralischem Fall aus, oft 
wird aber auch der Wunsch zu fallen als Selbstbestrafung hervorgebracht 
und oft sind beide Motive miteinander verbunden: Der sittliche Verfall 
und der Untergang des ganzen Menschen sollen als Strafe eintreten. Daß 
der Fall im vorliegenden stereotypen Traum langsam von statten geht, 
verrät den entgegengesetzten Wunsch, den moralischen Sturz, bezw. die 
Strafe durch Sturz in den Abgrund aufzuhalten. Sicher aber erkennen 
wir in den beiden Auslegungen, daß es den Jüngling einerseits zum 
moralischen Falle, zum völligen Untergang drängt, andererseits aber davon 
wegdrängt. Die wiederholten Autounfälle deuten auf eine unbewußte 
Suizidabsicht, die später ins Bewußtsein überging und unvollständig aus- 
geführt wurde (Gasvergiftung). 

Ahnliche Gegensätze erkennen wir aus einer Reihe anderer Träume. 
Der moralische Konflikt ist offenbar ein ungeheuer intensiver. Es ist 
daher unmöglich, daß C. X. konstitutionell ohne moralische Reaktionen 
wäre. Sicher leidet er an starker Ambivalenz in seinen Liebesbeziehungen, 
und sein Unbewußtes ist mit Haß gegen seine Eltern geladen. Wenn 
meistens nur der Vater, nicht auch die Mutter, als Gegenstand eines Un- 
falles totgewünscht wird, so stimmt dies genau zu der bei den meisten 
Neurotikern vorkommenden Ödipusbindung. Ödipus tötete, nach der grie- 
chischen Sage, seinen Vater und heiratete die Mutter. Sigmund Freud 
wies nach, daß eine analoge Tendenz, ob auch stark gemildert, bei fast 
allen Nervösen vorkommt. Daß auch in unserem Falle mehr Haß auf den 
Vater zutage tritt, müßte uns eigentlich wundern, da nach dem Zeugnis 
der Besucher der Vater mehr Interesse für seinen Sohn zeigte, als die 
Mutter. Die Ödipusbindung löst dieses Rätsel. Auf die speziellen Ursprünge 
dieser Fixierung konnte meine Untersuchung nicht eingehen. 

Es ist uns bekannt, daß sehr oft Haß, und zwar besonders verdrängter 

— 246 — 



intensiver Haß gegen den Vater sich von diesem im späteren Leben auf 
andere Personen überträgt. Ich zeigte dies in einer Anzahl meiner Bücher, 
und manche kundige Beobachter haben die Tatsache anerkannt. Wir haben 
uns deshalb gar nicht zu wundern, daß C. ein schwer zu disziplinierender 
Schüler wurde. Eine große Menge gleichlautender Fälle sind mir in meiner 
Praxis begegnet. In meinem Buche „Der psychologische und biologische 
Untergrund des Expressionismus" * schilderte ich einen Künstler, der in der 
Kindheit schlecht zu seinem nervösen und strengen Vater stand, sich aber 
später mit ihm aussöhnte. Gegen alle Vatersubstitute aber, also Lehrer, 
Offiziere, Landesoberhaupt, bestehende Gesellschaftsordnung, behielt er einen 

grimmigen Haß. • 

Es wäre jedoch unrichtig, aus diesem einen Motiv des Vaterhasses C.s 
Entwicklung ableiten zu wollen. Hinzu kommt das Gefühl der Minder- 
wertigkeit, und zwar in körperlicher, geistiger und sozialer Hinsicht. Er 
fühlte sich als schwach, den Anforderungen der Schule nur mit Mühe ge- 
wachsen und in der Familie wenig geachtet. Angstneurotische Disposition 
-verstärkt die Mißstimmung und führt Stauungen herbei, die zu impulsiven 
Handlungen führen. 

Von hier aus werden die von Lehrern und Gerichten fesgestellten Merk- 
male verständlich. 

Die schwere Lenkbarkeit ging vor allem aus dem verdrängten 
Vaterhaß hervor; manche Negativisten (Widerspenstige) erweisen sich bei 
der Analyse als solche, die sich am Vater rächen und ihn ärgern wollen, 
auch wenn das Bewußtsein es gar nicht oder nur dunkel angibt. Hinzu 
kommt oft das Bestreben, das Minderwertigkeitsgefühl zu übertönen und 
sich selbst, wie auch der Familie und den Kameraden zu zeigen, daß man 
einen starken Willen habe und Einfluß ausübe. Aus der ambivalenten Ein- 
stellung zum Vater erklärt sich auch die merkwürdige Tatsache, daß C. 
einerseits mit den Lehrern familiär sein möchte, andererseits dieselben Lehrer 
kränkt und gegen sich aufbringt. Wie er den Vater liebt und haßt, so auch 
seine Vatersurrogate, nach deren Liebe er sich sehnt, die er aber vermöge 
seines unbewußten Hasses von sich stößt. Dasselbe Verhalten äußert er 
später auch gegen den Mann, den er am meisten von allen Bekannten 
liebt und bewundert, dessen Geduld er jedoch auf die härteste Probe stellt, 
den Polizeichef. 

Das hochfahrende Verhalten unter den Kameraden, die ihn „Napoleon" 
oder „General" nennen, bildet eine Überkompensation des Minderwertig- 
keitsgefühls. 

Daß sich unser jugendlicher Verbrecher besonders auf Diebstähle wirft, 
ist nicht zu verwundern. Aus der Analyse sehr zahlreicher Kleptomaner 
wissen wir mit absoluter Sicherheit, daß der Zwangsdieb im gestohlenen 
Gegenstand einen Ersatz für Liebe im weitesten Sinne sucht. In manchen 
Fällen hat er zu vor unter dem Eindruck gelitten, ungeliebt zu sein; nament- 

1) Verlag Ernst Bircher, Bern und Leipzig. 



— 247 — 



lieh häufig findet man diesen Sachverhalt bei Kindern. Ich kenne kleine 
Diebe, die regelmäßig zu stehlen begannen, wenn sie in ihren Liebesan- 
sprüchen ungesättigt blieben, z. B. weil ein anderes Kind eintraf und ver- 
meintlich oder wirklich mehr Gunst erwarb. Bei manchen anderen, besonders 
Heranwachsenden, stellt sich Kleptomanie ein, wenn die Masturbation auf- 
gegeben wird, ohne daß ein vollerer Ersatz gefunden wird, bei anderen 
wieder, wenn erotische Schwierigkeiten vor oder in der Ehe ausbrechen. In 
meinem Buche „Die Liebe des Kindes und ihre Fehlentwicklungen" 
schilderte ich zwei Fälle. Der eine betrifft Kleptomanie infolge verdrängter 
Liebe und verdrängten Hasses, der andere Kleptomanie aus verdrängter und 
unvollkommen bemeisterter Masturbation. 

Es fragt sich, ob die Angstträume den einzigen Beweis für den ver- 
drängten Haß gegen die Eltern bilden. Ein Zwangssympton ist zu meiner 
Verwunderung in den Schulakten nicht vermerkt, nämlich sein Nägelbeißen. 
Noch heute trägt der 21jährige Jüngling Fingernägel, die zur stärkeren Hälfte 
abgebissen sind. Wohl ausnahmslos geht diese Gewohnheit, die die Hand 
entstellt und den Narzißmus, die Eitelkeit ihres Trägers verletzt, aber auch 
beim besten Willen nicht abgelegt werden kann, auf Masturbation zurück 
wobei die Finger eine sexualsymbolische Bedeutung erlangen. Ich fand 
dieses Symptom öfters bei jugendlichen männlichen Kleptomanen. Unser 
Jüngling erinnert sich zwar nicht daran, in früherer Kindheit masturbiert 
zu haben. Allein in den meisten Fällen geht der Pubertätsmasturbation 
eine Kindheitsonanie voraus, die ungefähr im vierten oder fünften Jahr 
aufhört und in die sogenannte Latenzperiode übergeht. Es ist sehr wahr- 
scheinlich, daß das Nägelbeißen als Fortsetzung einer Frühonanie aufzu- 
fassen ist. 

Ich bedaure, daß die Zeit fehlt, um die Psychologie des Zwangsdieb- 
stahles darzulegen. Ich bemerke nur noch, daß gerade die Sucht nach Süßig- 
keiten bei Zwangsdieben, die gegen den Trieb zur Masturbation ankämpfen, 
häufig angetroffen wird. Die Süßigkeit des Zuckerzeugs soll einen Ersatz 
für die Sexuallust bilden, und zwar muß es verbotene Lust sein, um eine 
ausreichende symbolische Vertretung zu sein. So erklärt es sich, daß der in 
meinem Buche geschilderte Knabe zu Hause wenig Süßigkeiten aß, dafür 
aber trotz der Gefahr in zwölf Läden Konfekt stahl. 

Lange betrachtete C. den Zwang zum Diebstahl wie zu seinen Buben- 
streichen als eine ihm fremde Macht. Auch die Schulakten deuten an, 
daß der Junge selbst nicht wußte, warum er sich so schlecht aufführe 
(24. Mai 1922), und die Lehrer spürten den Einfluß seelischer Motive, die 
ihnen krankhaft schienen. Mitunter kämpft C. gegen Versuchungen lan^e 
an. So erblickte er z. B. vor zwei Jahren, als er bei einem Umzug half 
eine elektrische Glocke, die seine Begierde reizte ; aber erst im letzten Jahre 
versuchte er, sie zu entwenden. Er wurde entdeckt, gab jedoch an, er sei 
zur Reparatur beauftragt und entkam ohne Anzeige an die Polizei 1 . Immer 

1) Daß der Kriminelle mir dies erzählte, beweist seine Offenheit. 

— 248 - 



deutlicher erkannte er, daß alles Ankämpfen gegen seinen Stehlzwang aus- 
sichtslos sei, und ließ sich schließlich meistens ohne weiteres von seinen 
Gelüsten treiben. Wie so viele Kleptomane, unter ihnen auch hochmoralisch 
begabte, sagte er sich zuletzt: Ich bin ja doch ein Verbrecher, der in den 
Krallen des Bösen steckt; ob ich etwas mehr oder weniger Übeltaten be- 
gehe, ist gleichgültig. Noch heute weiß sich C. völlig wehrlos gegenüber 
seinen kriminellen Impulsen. 

Es kommt hinzu, daß sich der Neurotiker seit etwa drei Jahren dem 
Morphium ergibt. Auch Kokain nahm er zu sich, es bereitete ihm jedoch 
kein Vergnügen. Als Motiv gibt er an, die Narkotika machen ihn vergessen. 
Auch leidet er unter Schlaflosigkeit. Selbst im Gefängnis spritzte er sich 
eingeschmuggeltes Morphium ein. Alle diese Züge bestätigen unsere An- 
nahme, daß C. an schweren inneren Konflikten leide und unter chroni- 
schem Zwang stehe. 

Schon früher hat der Jüngling seine verdrängten Haß- und Todes- 
wünsche durch Öffnen des Messers und Durchbohrung der Hand eines 
Kameraden, sowie durch andere Handlungen als sadistische Gelüste sym- 
bolisch zum Ausdruck gebracht; das setzt uns bei solcher Gemütsverwick- 
lung nicht in Verwunderung, auch nicht, daß er Gegner wiederholt mit 
dem Tode bedrohte und schließlich zum Totschläger wurde. Zwar nahm 
später das Gericht an, daß C. in berechtigter Notwehr handelte ; allein die 
große Zahl von Wunden (vier tiefe Messerstiche neben einer Anzahl von 
kleinen Verletzungen) sehen doch wohl sadistisch aus. Vermutlich wirkte 
latenter Haß gegen den Vater zusammen mit dem manifesten Selbst- 
erhaltungstrieb. 

b) Diagnose 

Das uns zur Verfügung gestellte Material ist recht lückenhaft. Ins- 
besonders wissen wir viel zu wenig über die sexuelle Entwicklung des 
jungen Verbrechers. Es wäre sehr zu wünschen, daß die vorhandenen 
biographischen Mitteilungen und besonders die von mir begonnene Explo- 
ration fortgesetzt würden. Immerhin sehen wir uns jetzt schon in der Lage, 
mit voller Sicherheit eine allgemeine Diagnose zu stellen. * 

Die späteren Symptome beweisen eine angeborene neurotische Disposition, 
die durch ungünstige Einflüsse, Reizbarkeit des Vaters, Indolenz der Mutter, 
strenge Strafen ohne Rücksicht auf den physischen Zustand, beständige 
Streitigkeiten mit den jüngeren Geschwistern und wohl auch durch sexuelle 
Erlebnisse zum Ausbruch gelangen mußte. Insbesondere das Leitmotiv, 
der Gedanke, von den Eltern nicht geliebt zu werden und von ihnen 
innerlich getrennt zu sein, wirkte verhängnisvoll. 

Durch die Verdrängung böser, vom Gewissen abgelehnter Regungen 
bildeten sich unbewußte Wünsche, die zur neurotischen Erkrankung führten. 
Dabei entstanden zwei pathologische Hauptrichtungen: eine angst- 
hysterische und eine zwangsneurotische. 



Zeitschrift f. psa. Päd., V,7 249 



lT 



l) Die Angsthysterie 

zeigt sich in einer Reihe von stereotypen Angstträumen und in 
höchst aufgeregtem Verhalten im Traume. Vater und Bruder bestätigen 
nur, daß C. im Schlaf sehr häufig schrie und fluchte, sich umherwälzte 
und schwitzte. Oft blieb auch der Schlaf aus. Zur Hysterie gehören die 
Weinerlichkeit und wahrscheinlich auch das Kopfweh und die Schlaf- 
losigkeit. Hysterisch ist besonders das Arrangement der Vergiftungs- 
szene. Weder ein Schizophrener noch ein Melancholiker hätte der Polizei 
telephoniert, er sei im Begriff, sich das Leben zu nehmen. Einzig 
Hysteriker, die stark auf das Mitleid anderer Menschen rechnen, treiben solche 
Sachen. Es wäre unrecht, die ganze Episode als absichtlichen Schwindel 
anzusehen. Sie ist als Ausdruck des in sich selbst zwiespältigen Unbewußten 
zu betrachten. 

2) Zwangsneurotische Symptome 

sind das Nägelbeißen von früher Kindheit an bis zur Gegenwart, 
und die Kleptomanie, die zuerst als Zwang (obsession) empfunden, 
später aber, da der Widerstand dagegen erlosch, als selbstgewollt gefühlt 
wird. Nachzuprüfen wäre, ob wirklich C, abgesehen von zwei Eällen im 
Hause des Vaters, nie Geld stahl und ob er fast wertlose Dinge entwen- 
dete, auch wenn er damit rechnen mußte, daß er sicher entdeckt werde. 

Nicht als zwangsneurotische Symptome, aber als neurotisch bedingte, 
zwangsmäßig erfolgende Handlungen sind zu betrachten Morphinis- 
mus und Impulshandlungen (gefährliche Angriffe auf Kameraden, 

Totschlag). 

c) Prognose 

Wenn der jugendliche Gewohnheitsdieb, besser gesagt: Zwangsdieb, 
nach kürzerer oder längerer Gefängnishaft frei gelassen wird, so halte ich 
es für wahrscheinlich, daß er seine frühere kriminelle Laufbahn fortsetzen 
wird, obschon es möglich ist, daß schon die kurzen Besprechungen mit 
mir den neurotischen Zwang abschwächten. Er wird weiter die Distanz 
zwischen sich und der übrigen Welt verbreitern, sich als Opfer eines un- 
entrinnbaren Zwanges zum Verbrechen betrachten, sich mit narkotischen 
Mitteln zu betäuben versuchen und wohl auch neue gefährliche Impuls- 
handlungen begehen. Sein unbewußter Haß auf die Eltern wird ihn 
zusammen mit seiner körperlichen Minderwertigkeit tiefer in die Bahn des 
Verbrechens und Lasters treiben, bis die offenbar schon heute weit vor- 
gerückte Tuberkulose dem unseligen Dasein ein frühes Ende bereitet. 

Nach zahlreichen Erfahrungen darf ich jedoch die Hoffnung aussprechen, 
daß er nach einer gründlichen psychoanalytischen Behandlung und sorg- 

— 250 — 



fältigen Lungenkur ein brauchbares und wertvolles Glied der menschlichen 
Gesellschaft werden kann. Noch längere Zeit bedarf er des leitenden 
Freundes, der sein Unbewußtes durchschaut und zu beeinflussen versteht. 
Er ist weder Psychopath, noch konstitutionell moraL insane. Am Polizei- 
direktor hängt er in Dankbarkeit und Verehrung. Die in den Kinder jähren 
geübte Tierquälerei schlug in Liebe zu den Tieren um. Es war für C. 
eine gewaltige Erleichterung, zu vernehmen, daß die Tiefenmächte seiner 
Seele nicht als ein teuflisches Schicksal zu betrachten seien, dem man 
nicht entrinnen könne. Ich halte ihn für korrigierbar. Regelmäßige Arbeit 
ist für ihn notwendig. 

111) Epikrise 

Zur Zeit der Analyse befürchtete der Jüngling, gehängt zu werden, nahm 
aber diese Aussicht scheinbar ruhig hin, da das Leben ja doch keinen 
Wert für ihn habe und die Tuberkulose ja ohnedies ihr Zerstörungswerk 
bald vollzogen hätte. Allein das Gericht sprach ihn etwa zwei Wochen 
nach meiner letzten Besprechung mit ihm frei. 

Da man mit großem sittlichen Ernst und tiefer Menschenliebe an 
mich die Frage stellte: „Haben die Behörden es in irgendetwas fehlen 
lassen, oder war die Fehlentwicklung des C. X. unvermeidlich?" so er- 
laube ich mir folgende Bemerkung: Gewiß haben die Schul-, Polizei- und 
Wohltätigkeitsinstanzen mit großartiger Güte und Ausdauer auf den Knaben 
und Jüngling einzuwirken versucht. Vor allem ihre Güte verdient An- 
erkennung und Bewunderung. Allein es wurde in der ganzen Erziehung 
unterlassen, die unbewußten, für die Entwicklung maßgebenden Trieb- 
kräfte, Fixierungen und Verwicklungen zu untersuchen und sachgemäß 
•zw beeinflussen. Zweiundzwanzigjährige Erfahrung hat mir bewiesen, 
daß es der psychoanalytischen Methode möglich ist, derartige schlimme 
Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und zu korrigieren. Erzieherische 
Maßregeln, die bei normalen Zöglingen sich ausgezeichnet bewähren, 
müssen bei Hemmungen im Unbewußten vielfach unwirksam bleiben, ja 
sogar schweren Schaden anstiften. Diese allgemeine Feststellung soll mich 
jedoch nicht verhindern, den Behörden, die sich mit C. X. so lange Jahre 
intensiv beschäftigten, das Zeugnis treuester, liebevoller und opferwilliger 
Hingabe auszustellen. Ihr tragischer Mißerfolg war unvermeidlich, da ihnen 
nur die Mittel der alten Pädagogik zur Verfügung standen. Tausende 
unglücklicher Brüder unseres jungen Gewohnheitsdiebes und Totschlägers 
schreien nach Erlösung. Erst wenn zum edlen Herzen jener zahlreichen 
Männer und Frauen, die solchen unseligen Jugendlichen ein Übermaß von 
Güte und Arbeit zuwendeten, sich der tiefenpädagogisch geschulte Kopf 
gesellt, wird die Überwindung des ungeheuren Elendes möglich sein. 



— 251 — ig- 



Eine kleine Lügnerin 

Aus einer psychoanalytischen Erziehungsheratung 

Von Hans Zulliger, Ittigen (Bern) 

Ein Primarlehrer bringt mir im Auftrage seiner Schulbehörde eine 15jährige 
Schülerin, Klara, in die Erziehungsberatung. 

Sie lügt notorisch und sie schwänzt die Schule, indem sie sich in den Wäldern 
herumtreibt. Oft verleitet sie auch ihren um ein Jahr jüngeren Bruder zum Schul- 
schwänzen, sie nimmt ihn auf ihre Zigeunerfahrten mit. Dazu klagt der Lehrer, daß 
Klara in der Schule fast andauernd unaufmerksam sei: sie träumt. Sie sitzt da, hat 
einen starren Blick und einen süßlichen Gesichtsausdruck, und wenn sie nicht mit 
übergeschlagenen Beinen wippen würde, so könnte man glauben, sie wäre ein Holz- 
bock, vernehmen wir. Ruft man sie auf, so erschrickt sie und weiß nicht zu erinnern, 
an was sie eben gedacht hat. 

Es scheint meinem Kollegen nicht aufgefallen zu sein, daß das von ihm geschil- 
derte Beinwippen eine Abart von Onanie bedeutet. Ich mache ihn nicht darauf auf- 
merksam, um ihn nicht zu beunruhigen — es wäre auch nichts damit gewonnen. 

Auf meine Frage, wie Klara ihre Schulschwänzereien begründe, erhalte ich zur 
Antwort: da erzähle sie eben die saftigsten Lügen. 

Beispiele: Sie habe in ein in der Nähe liegendes Städtchen gehen müssen, um 
besonders feine Lebensmittel zu holen; die Stiefmutter sei krank geworden, so daß 
Klara zum Arzte mußte; es sei ein vornehmer Onkel aus der Stadt hergereist ge- 
kommen, mit dem sie eine Ausfahrt machte; einmal sogar: der Vater habe einen 
Schlaganfall bekommen und man habe sie deshalb zuhause behalten. 

Jeweilen ergab die nähere Untersuchung, daß an den Aussagen des Mädchens kein 
wahres Wort war, doch hatte sie beim Lügen ein derart ehrliches Gesicht gemacht, 
daß man annehmen müsse, sie glaube selber an ihre Mitteilungen. 

Die Nachforschungen ergaben immer dasselbe: Klara hatte weder einen Onkel, 
der ein Auto besaß, noch vermochten ihre Eltern so feine Eßwaren zu kaufen. Die 
Stiefmutter erfreute sich einer robusten Gesundheit und der eher schmächtige als 
beleibte Vater neigte nicht zu Schlaganfällen. Die Schülerin ging am Morgen zur 
rechten Zeit von zuhause weg, aber anstatt den Weg ins Dorf und ins Schulhaus zu 
nehmen, schwenkte sie in den Wald ab und strich herum. Der Lehrer fügte bei, daß 
unter den Schulkindern das Gerücht verbreitet sei, Klara betreibe, wenn sie ihren 
Bruder mit in den Wald verschleppte, mit diesem sexuelle Spielereien, doch sei dies 
nicht erwiesen. 

Klara ist für ihr Alter von verhältnismäßig kleinem Körperbau und wenig ent- 
wickelt, sie hat auch noch nie menstruiert. Außer ihr und ihrem Bruder sind zu- 
hause noch zwei jüngere Stiefschwesterchen. Die Mutter Klaras ist bei der Geburt 
des Bruders gestorben. Der Vater arbeitet in einer Ziegelfabrik, die Stiefmutter be- 
sorgt das kleine Bauernwesen. 

Klara wird nun vorgenommen. Sie ist darüber orientiert, warum sie zu mir ge- 
bracht worden ist. Mit gesenktem Blicke tritt sie ins Zimmer, befangen und linkisch. 
Ich fragte sie, ob sie gerne Geschichten lese. 

Denn, als sie im Nebenzimmer warten mußte, gab ich ihr ein Buch in die Hand. 

Nein, sie lese nicht gerade gerne. 

— 252 — 



Ob ihr denn Geschichten nicht gefallen? — Doch, wenn man sie erzähle. Die 
Lehrerin habe oft Geschichten erzählt, Märchen. 

Welche Märchen ihr denn am besten gefallen hätten? — Schneewittchen. Frau 
Holle, Gänseliesel. 

Warum Schneewittchen? — Weil da die böse Frau Königin bestraft werde. Frau 
Holle, weil darin die gute Tochter belohnt und die schlechte verhöhnt werde. Und 
Gänseliesel, weil sie von einem Königssohn erlöst werde, der mit ihr Hochzeit feiere. 

Ich will verraten, weshalb ich auf diese Weise vorging: Da das Mädchen mit 
Zeichen der Verlegenheit vor mich trat, wollte ich nicht direkt aufs Ziel los, denn 
ich hätte riskieren müssen, daß sie stumm bleibe und mir keinerlei Auskunft gebe. 
Und da ich wußte, daß es sich um eine Tagträumerin handelte, so war es naheliegend, 
nach Phantasien zu forschen und auf diesem Wege einen Zugang zu finden, indem 
ich mich nach ihren Lieblingsgeschichten erkundigte. 

Nachdem ich soviel weiß, suche ich das Gespräch abzubiegen und Klara zu ver- 
anlassen, mir von zuhause zu berichten. 

Ob sie die Lehrerin gern habe, die die Märchen erzählte? — Gewiß, aber auch 
ihren Lehrer habe sie lieb, fügt sie rasch bei, indem sie mich blitzschnell anblickt. 
Ich errate, sie hat Angst, ich könnte es dem Lehrer sagen, daß sie ihn weniger liebt 
als die Lehrerin. Sie hat ja Grund genug, ihm gram zu sein, weil er ihre Lüge er- 
kannte und erwirkt hat, daß man Klara zu mir brachte, dem fremden Menschen, dem 
sie sicher auch nicht ganz traut. 

Ob ihr die Mutter nicht auch Geschichten erzählte? (Ich meine die Stiefmutter.) 
— Die Mutter sei schon lange gestorben, sie habe jetzt eine Stiefmutter. 

Klara unterscheidet also genau; sie kann in ihrem Herzen die Stiefmutter nicht 
den Platz der Mutter einnehmen lassen. 

Wie sie mit der Stiefmutter auskomme? — Gut. 

Ob sie mit ihr denn nicht auch manchmal Streit habe? 

Wieder der mißtrauische Blick. Dann gesteht sie zögernd, hie und da gebe es 
Streit. Aber sie habe sie trotzdem sehr lieb. Der Streit entstünde dadurch, daß die 
Stiefschwestern sie verklagten, wenn sie etwas Schlimmes angestellt hätten. Die 
Mutter nehme dann immer für die Kleineren Partei und Klara und ihr Bruder be- 
kämen Strafe. Manchmal verklage die Mutter die ältesten Kinder beim Vater, damit 
dieser sie züchtige, wenn er von der Arbeit heimgekommen ist. Nachdem Klara 
nochmals versichert hat, daß sie ihre Stiefmutter sehr lieb habe, verstummt sie. Die 
wiederholte Betonung ihrer Liebe zur Stiefmutter können wir ruhig als ein Anzeichen 
dafür auffassen, daß es mit der Zuneigung nicht so sehr weit her ist, auch wenn 
Klara möglicherweise selber an ihre Behauptungen glaubt. 

Ich bringe dann das Gespräch auf ihre Geschwister. Den Bruder hat sie am lieb- 
sten. Sie erzählt nun etwas freier über ihre Abneigung gegen die Stiefschwestern. 
Ich ermuntere sie dazu noch, indem ich ihr jetzt versichere, ich würde von unserer 
Zwiesprache niemandem etwas verraten, und sie bitte, Zutrauen zu mir zu haben. In 
einem gewissen Grade hat sie dieses Zutrauen schon, denn die freiere Art ihrer Re- 
aktion läßt erkennen, daß eine günstige Übertragung bereits begonnen hat. Durch 
meinen Zuspruch will ich sie darin bestärken. Zu Beginn der Besprechung, als sie 
noch voller Mißtrauen war, hätte sie mir das Versprechen, niemand etwas von unserer 
Zwiesprache zu verraten, gewiß nicht geglaubt. 

— 253 - 



Nun gehe ich auf ein peinliches Thema über und frage sie geradeheraus, ob ihr 
bekannt sei, was ihre Kameraden über sie und ihren Bruder herumredeten. 

Sie schlägt den Blick nieder und haucht: „Ja". 

Ob denn etwas daran wahr sei? — Sie schweigt. 

Ich reiße von meinem Notizblock das Blatt weg, worauf ich ihre Aussagen nach- 
stenographierte, und sage: „Schau, ich verstehe, darüber kann man nicht gut sprechen. 
Aber schreiben kann man — viel leichter, als reden. Also schreib mir die Sachen 

ruhig auf!" 

Ich lasse sie sitzen, gehe ans Fenster vorn im Zimmer, zünde mir eine Zigarette 
an, setze mich mit betonter Ruhe und Harmlosigkeit auf den Sims und schaue ins 
Freie. Die Scheiben spiegeln das Mädchen, ich beobachte, wie sie mißtrauisch nach 
mir blickt, auf die Unterlippe beißt, den Bleistift zwei, dreimal in Munde netzt, an- 
setzt zum Schreiben, zögert, wieder nach mir blickt, sich reckt und endlich zu 

schreiben beginnt. 

Als ich sehe, daß sie damit zu ende ist, warte ich noch eine Minute, räuspere 
mich, drehe mich langsam um und frage, ob sie fertig sei. Stumm reicht sie mir 
den Block, schlägt den Blick nieder, wie sie sieht, daß ich lese. 

Sie bestätigt die Spielereien (Koitusversuche) und daß sie meist die Anstifterin 

gewesen sei. 

In danke ihr für ihren Freimut und komme dann nochmals auf die Märchen zu 
sprechen. Ob sie schon einmal versucht habe, selber ein solches zu dichten, vielleicht, 
um dem Bruder zu erzählen. 

Das habe sie noch nie getan. 

Ich ermutige sie, dies zu versuchen, und bringe sie soweit, daß sie eines impro- 
visiert. Sein Inhalt: 

„Im Wald wohnt eine böse Zigeunerin, die hat zwei Töchter, eine gute und eine 
schlimme. Die Gute wird von der Alten schlecht behandelt, sie muß beständig stricken 
und den Dreck machen. Die Schlimme aber hat es gut. Einmal, wie das gute Mäd- 
chen Beeren sammelt, reitet ein König durch den Wald, sein Pferd schlägt sie, der 
König steigt ab, läßt einen Arzt holen. Als man ihr die Schulter entblößt, findet sich 
ein Muttermal. Der König erkennt daran seine Tochter, die von einer Zigeunerin ge- 
raubt worden ist. Diese wird ins Gefängnis gebracht, die wiedergefundene Tochter 
bekommt einen Königssohn zum Manne, es wird Hochzeit gefeiert." 

Und die schlimme Tochter? frage ich. — Die komme in eine Anstalt. 

In welche Anstalt? — Nach Brüttelen. 

Wieso sie etwas von der Mädchenerziehungsanstalt Brüttelen wisse? — Die Stief- 
mutter habe ihr gedroht, sie komme dorthin. 

Das improvisierte Märchen, so sehr es auch aus Elementen anderer Märchen und 
Geschichten zusammengeflickt ist, kann als Tagtraum angesprochen werden. Es illu- 
striert die Wunschwelt Klaras. Es handelt sich bei ihr um den „Gänseliesel-Typ", 
sie phantasiert sich aus den ärmlichen und für sie unbequemen häuslichen Verhält- 
nissen heraus in eine bessere Welt, wo sie eine Prinzessinnenrolle spielt. Sie sagt sich 
in ihren Träumereien, ihre Eltern seien nur ihre Pflegeeltern, die eigentlichen Eltern 
seien reich, prächtig, gütig, gerecht. Und sie erwartet die Erlösung. Wir wissen nicht 
sicher, wer in ihrem Märchen der Bräutigam-Königssohn ist — ob es nicht der Bru- 
der ist. 

Ich zeige Klara nun, daß sie in der soeben erfundenen Geschichte das häus- 
liche Milieu und ihre Erwartungen schildert. Daß sie, wenn sie in der Schule träumt, 

— 254 — 



wohl auch oft an diesem ihrem Märchen herumsinnt, und daß sie im Wald herum- 
streift, um den König, den Erlöser zu erwarten, der auch mit dem reichen Onkel 
gemeint ist. Sie beginnt dazu leise und ergeben zu weinen, was wohl etwas wie eine 
Akzeptierung der Deutung ist. 

Man sieht, wir dürfen auch die Lügen Klaras als Wunschphantasien auffassen: 
die Stiefmutter wird durch Krankheit bestraft, der ungetreue Vater (der Klara auf 
die Klage der Stiefmutter abstraft und der nach dem Tode der Mutter seines ersten 
Töchterchens eine andere, fremde Frau ins Haus nahm) erleidet einen Schlaganfall. 

Wir könnten auch sagen, die Lügen entsprechen der Rachsucht des Mädchens: 
sie sucht sich für erlittene Enttäuschungen am Vater, der ungerechten Stiefmutter, bei 
den Stiefschwestern durch Phantasien und durch triebhafte Lustansprüche an dem 
Bruder zu entschädigen. Bei den Träumereien in der Schule genießt sie doppelte 
Lust: die in der Phantasie erlebte Wunscherfüllung und die Organlust diirch die Onanie. 

Soviel zeige ich Klara zwar nicht auf. Es ginge nicht an, in einer zweistündigen 
Besprechung so tief mit der Deutung des Unbewußten vorzustoßen. Es kann nur so 
viel gedeutet werden, als das Kind zu fassen imstande ist. Um ihm seine Todes- 
wünsche auf die Eltern bewußt zu machen und sie zur Erledigung zu bringen, brauchte 
es einer bedeutend längeren Arbeitszeit mit Klara, als mir zur Verfügung steht. 

Weder die Schulbehörden, noch die Eltern haben im Sinne, Klara für längere Zeit 
zu mir zu schicken; dies geht schon aus äußeren Umständen nicht an, weil niemand 
für die Bahnfahrten aufkommen könnte. Man will von mir nichts weiteres als einen 
Rat, was man mit dem Töchterchen beginnen solle. 

Klara wird also wieder ins Nebenzimmer gebracht, und ich spreche mit meinem 
Kollegen das Gutachten durch, wie ich es an die Schulbehörde richten werde. Darin 
rate ich eine sofortige Milieuversetzung Klaras an einen Platz, wo sie nicht nur als 
wohlfeiles Dienstmägdlein behandelt wird. 

Der Milieuwechsel erfüllt einigermaßen Klaras Wunsch nach anderen Eltern und 
ist imstande, die Stärke dieser Phantasie herabzumindern, weil sie teilweise Realität 
wird. Zugleich werden so die auf den Bruder gehenden inzestuösen Wünsche ge- 
brochen, sie wird gezwungen sein, andere Liebesobjekte zu suchen, die ihr stärkere 
moralische Schranken auferlegen als der Bruder, mit dem sie bis zu ihrem n. Lebens- 
jahre im gleichen Bette schlief. 

Heute ist das Mädchen beim Bruder ihrer einstigen Mutter, einem Bahnbeamten 
in der Stadt, untergebracht und gibt seit ihrer Versetzung, die vor einem Jahre statt- 
fand, zu keinen Klagen mehr Anlaß. 

Im Anschluß an diesen Bericht seien noch einige grundsätzliche Gedanken 
angebracht. 

Bei der psychoanalytischen Erziehungsberatung steht der Berater in einer 
außerordentlich schwierigen Situation, wenn man diese mit derjenigen des Thera- 
peuten vergleicht. In kürzester Zeit soll er eine unbewußte Sachlage eruieren und 
einen heilsamen Rat erteilen. Vergleicht man jedoch seine Stellung mit dem land- 
läufigen Erziehungsberater, der die Psychoanalyse nicht kennt, so sieht man ein. 
daß er es viel leichter hat als dieser, weil er vermöge seines Wissens i n d e r 
gleichen Zeit mehr sehen und insbesondere etwas vom Unbewuß- 
ten erraten und deuten kann. Deshalb ist ihm auch gegeben, dem Kinde 
oder seinen Erziehern und oft beiden viel angepaßtere Räte zu erteilen. 

- 255 — 



Milieu Versetzungen scheinen für die gewöhnliche Erziehungsberatung ein 
Universalmittel zu bedeuten. Sie sind sogar als „einfachste Möglichkeit zur Heilung; 
stotternder Kinder" angeraten worden (so im „Berner Schulblatt" vom 7. März 1951, 
S. 625). Es ist ganz selbstverständlich, daß sich diese Maßnahme nicht so all- 
gemein und in den meisten Fällen überhaupt nicht eignet. Denn am neuen Platze 
werden die neuen Personen und neuen Verhältnisse — oft sukzessive, häufig 
aber auch vom ersten Augenblicke an — unbewußt mit den alten gleichgesetzt, 
die alten, gewohnten Gefühlsverwicklungen auf sie verschoben, und dann 
zeigen sich die alten Schwierigkeiten wieder — oder nicht selten noch ärgere. 

Weshalb in unserem Falle eine Milieuversetzung als angezeigt betrachtet werden 
mußte, ist ausgeführt worden: sie bedeutete zugleich eine Erfüllung unbewuß- 
ter Strebungen und eine Anpassung an die Realität, weil sie imstande war, die 
Phantasien zu sättigen, aufzulösen und zu verunmöglichen. 

Die allergrößte Schwierigkeit bei der Erziehungsberatung besteht darin, rasch 
eine günstige Übertragung zustande zu bringen. Darum darf man ordent- 
licherweise nicht mit der Tür ins Haus fallen. Dies ist nur dort am Platze, wo 
das Kind selbst an seiner Anormalität innerlich leidet — der aktuelle Konflikt 
mit seiner Umwelt genügt nicht. Nach meiner Erfahrung ist es das beste, mit 
einem Kinde zunächst über etwas zu reden, das überhaupt oder scheinbar gar 
nichts mit dem zu tun hat, worüber man mit ihm unterhandeln möchte. Spiel- 
zeug, Bücher, Sportberichte, Filme, Damenmode, Haarbänder, Bubikopf, usw., 
auch eine kleine Zigarettenmaschine haben mir dabei immer die besten Dienste 
geleistet. Man gibt, um Liebe (-Übertragung) zu erhalten, vorerst kleine Be- 
friedigungen. Sie machen Anknüpfungen möglich, und die eigentliche Arbeit 
kann erst nach Anbahnung der Übertragung beginnen. Ohne sie bleibt alle Mühe 
unfruchtbar. 

Im weiteren muß der Berater auf den ersten Anhieb herausfühlen, was für 
eine Rolle er einem Kinde gegenüber spielen muß: ob die eines Bruders, 
Kameraden, Kumpanen, gutmütigen Onkels, eine streng autoritative oder gar 
die eines Menschen, der (scheinbar) dümmer ist als das Kind, das ihn um jeden 
Preis hinters Licht führen möchte. 

Wo eine psychoanalytische Behandlung nötig wäre, aber aus bestimmten Grün- 
den nicht durchgeführt werden kann, da scheinen diejenigen Lösungen (Räte) 
am wirksamsten zu sein, bei denen der unb e wußten Wun seh w elt 
einesteils eine gewisse, reduzierte Befriedigung gewährt und 
zugleich die Realanpassung erleichtert wird. Man muß es immer als 
einen glücklichen Zufall preisen, wenn man einen derartigen Einfall hat und 
einem die Beratung gelingt — aber Erziehungsberatung ist in allen Fällen eine 
Art von Va-banque-Spiel, denn sichere Regeln oder Rezepte gibt es kaum. Oft 
kann auch, gestützt auf die psychoanalytische Exploration einer seelischen Sachlage, 
suggestiv vorgegangen werden unter Ausnützung der Übertragung, und daß 
solche Suggestionen adäquater sind als gewöhnliche, dürfte glaubhaft sein. 

Schließlich, um nochmals auf unseren oben geschilderten Fall zurückzukommen, 
sei erwähnt, daß er die psychoanalytische Auffassung der Märchen als Wunsch- 
erfüllung bestätigt und zeigt, daß auch jene Kinderlügen einen Sinn haben, die 
nicht oder nicht allein sogenannte „Zwecklügen" sind. 



— 256 - 



Drei Fälle von Entwöhnungstrauma 

Von Prof. Charles Baudouin, Genf 

I 

Die sechsjährige Frangoise saugt mit einer Art von Raserei fortwährend an 
ihrem Daumen; wenn sie in dieser wichtigen Beschäftigung gestört wird und 
dieselbe einen Augenblick vergißt, erinnert sie sich kurz nachher wieder daran 
und wirft sich dann auf ihren Daumen wie auf eine Beute, — genau so wie 
sich der hungrige Säugling an die Mutterbrust wirft, die man ihm einen 
Augenblick entzogen hat. In der Tat hat dieses Kind plötzlich entwöhnt werden 
müssen, was es sehr schlecht vertrug. Es zeigt auch andere Merkmale, die 
richtig ein Entwöhnungstrauma charakterisieren. Frangoise ißt sehr schnell, 
schluckt, verschlingt, und trotz aller Verweise und Einwendungen kann sie 
sich nicht entschließen zu kauen; mit anderen Worten, sie behandelt alle 
Speisen wie eine Flüssigkeit. Früher bediente sie sich oft ihrer Zähne, aber 
um ihre ältere Schwester bei ihren Streitigkeiten zu beißen; doch dies ist ein 
Zeichen für die Wichtigkeit, die die orale Zone bei diesem Kinde gewonnen hat. 

Frangoise ist gierig und anspruchsvoll hinsichtlich der Nahrung; sie ist es 
umsomehr, da Darmstörungen, welche nicht ohne Zusammenhang mit dem 
Entwöhnungskomplex sind, eine strenge Diät nötig gemacht haben. Während 
dieser Diät muß sie sich vollständig der Milch enthalten — so sehr ist es wahr, 
daß das Unbewußte oft gegen seine eigene Absicht handelt — und man 
begreift, daß die Kleine so leicht unzufrieden ist mit dem, was man ihr zu 
essen gibt, dieses nicht anrührt und absolut jenes will. Aber eines Tages hatte 
der Arzt die glückliche Idee, das unter dem Namen „Trockenmilch" bekannte 
Produkt einzuführen. Die Kleine war im siebenten Himmel. Sie liebt nichts 
so sehr als ihre „Milch" und verlangt beständig danach. 

Eines ihrer Lieblingsspiele besteht darin, ihren Puppen die Milchflasche zu 
geben; ich glaubte, sie dazu ermutigen zu müssen und dieses Spiel gegen ein 
Entwöhnungsspiel hinzulenken. Denn im Spiel „spielt" (inszeniert) das Kind 
die unvollkommen überwundenen Traumatismen und kann sich auf diese Weise 
von ihnen befreien. 1 

II 

Man führte mir eines Tages einen kleinen vierjährigen Jean-Paul zu, bei 
welchem der Entwöhnungskomplex eine ungewöhnliche Heftigkeit zeigte. Auch 
war die Situation dieses Knaben eine abnormale. Kind einer unverheirateten 
Mutter, hatte er bis zum Alter von zwei Monaten mit ihr gelebt, während 
welcher Zeit er von ihr genährt wurde. In diesem Augenblick wurde er plötzlich 
und vollständig von ihr getrennt; das junge Mädchen verzichtete, auf die 
dringenden Bitten ihres Vaters, offiziell auf ihr Kind. Die Pflegemutter, welche 
es mir zuführte, hatte dasselbe einige Monate nachher aufgenommen. Es hatte 
sich der Milchflasche gefügt, aber als man dieselbe mit der Milchtasse ver- 
tauschen wollte, legte der Knabe einen starken Widerstand an den Tag, und 

1) Siehe Freud, Jenseits des Lustprinzips (Ges. Schriften, Bd. VI.). 

- 257 - 



man hatte die größte Mühe, ihn zur Annahme dieses Fortschrittes zu bewegen. 
Als endlich der Moment gekommen war, eine feste Nahrung einzuführen, wies 
er sie kategorisch zurück. Mit vier Jahren hatte er sie noch nicht angenommen, 
und man benötigte drei Stunden, um ihn dazu zu bringen, seine Mahlzeit fertig 
zu essen, die aus Brei bestand. 1 Gleichzeitig entwickelte sich bei ihm ein 
Stottern, welches auch, auf seine Weise, die Wichtigkeit der oralen Zone verrät; 
man könnte sagen, er behandelte die Worte wie die feste Nahrung, er wies 
sie zurück — oder duldete sie nur im Brei-Zustand — , während das Stammeln 
des Säuglings für ihn die Befriedigung des Saugens symbolisierte. 

Eigentlich war dieses Stottern schon überdeterminiert. Wie bei anderen 
Fällen von Stottern schien es auch hier mit der verbotenen Neugier in Beziehung 
zu stehen. Im Laufe des letzten Jahres hatte sich dieses Stottern verschlimmert, 
während gleichzeitig sich die Neugier entwickelte. Diese existierte in einem 
akuten Grade, als man mir den Knaben zuführte. Er wollte meine Schachteln 
öffnen, meine Mappe, meine Umschläge. Seine Lieblingsfrage war: „Was ist 
darin?" Aber er hatte namentlich diese Frage gestellt, als er an seiner Pflege- 
mutter eines Tages im Bett die Brust entdeckte. Diese Entdeckung war für 
ihn eine Art Erleuchtung; er blieb vor diesem Gegenstand, der zweifelsohne 
zu seinem unbewußten Gedächtnis sprach, in Ekstase, und er ließ in seiner 
Sprache verstehen, daß er nichts auf der Welt so schön finde. So war die 
Neugier selbst auf das Gebiet des primitiven Schocks lokalisiert. Aller Wahr- 
scheinlichkeit nach hatte das Kind das Geheimnis, das man wegen seiner 
anormalen Situation vor ihm machte, schon wahrgenommen (wie dies auch bei 
einem anderen unserer Patienten, Thierry, 2 der Fall war), und dies ver- 
schlimmerte das Tabu, welches ganz natürlich auf der die Herkunft betreffenden 
Neugier lastet. 

In diesem Falle wurde ein Entwöhnungsspiel vom Kinde selbst erfunden, 
und zwar auf sehr originelle Weise. Die Pflegeeltern glaubten, — im Augen- 
blick da diese Geschichte sich abspielte (vier Jahre) — gut daran zu tun, „dem 
kleinen Jean-Paul eine Schwester zu geben", und so adoptierten sie ein anderes 
Kind, ein Mädchen von neunzehn Monaten. Man könnte die Worte nicht besser 
erfinden, welche Jean-Paul aussprach, als er das Mädchen zum ersten Mal sah : 
„Sie wird mir gehören. Ich werde sie essen lehren." 

m 

Bertha F. litt, als ich sie im Alter von dreizehn Jahren sah, noch an Bett- 
nässen, das ja so oft ein Zurücksehnen nach der ersten Kindheit und der 
mütterlichen Pflege verrät — was nicht weit vom Entwöhnungskomplex ent- 
fernt ist. Nach kurzer Suggestiv-Therapie hörte das Kind zu nässen auf. Sie 
erinnerte sich an mich und suchte mich fünfzehn Jahre später wieder auf, ver- 
heiratet, während einer Depressions-Krise. Gewisse Charakter-Merkmale, die sie 
seit der frühesten Kindheit besessen, traten nun stärker hervor und wiesen 

1) Während eines Aufenthaltes in einem Landeserziehungsheim hatte er, während 
kurzer Zeit, angefangen, wie die anderen zu essen. Zu seiner Pflegemutter zurück- 
gekehrt, verlangte er jedoch wieder die flüssige Nahrung. 

2) Baudouin, Ch. L'Ame enfantine et la Psychanalyse, Part 1, cap. IV. (i m 
Druck, bei Delachaux et Niestle, Neuchätel). 

- 258 - 



deutlich auf einen Entwöhnungs-Komplex hin, sie waren natürlich durch die 
einfache Behandlung der Enuresis nicht berührt worden. Ihre Wünsche wollen 
augenblicklich verwirklicht sein; wenn sie an ein Kleid denkt oder an einen 
Hut, muß sie sie sofort haben; sie leidet selbst darunter, so anspruchsvoll zu 
sein, findet dies albern, aber kann nichts dagegen tun. Sie versichert, daß sie 
„in einen unsinnigen Zustand" gerate, so oft sie nicht haben kann, was sie 
wünscht, z. B. sie abends nicht ausgehen kann, wenn sie plötzlich Lust dazu 
hat. Außerdem ißt sie zu schnell, sie „schlingt". Wenn man sie aufs Land 
schickt, um sich auszuruhen oder sich zu pflegen, so langweilt sie sich und 
kann es nicht aushalten. Wenn sie nun bis auf ihre Kindheitserinnerungen 
zurückgeht, so findet sie zuerst folgendes: Im Alter von sechs oder sieben 
Jahren weinte sie in der Schule unaufhörlich, so daß man sich gezwungen sah, 
sie zu ihrer Mutter zurück zu schicken, die sie nicht mehr 
verlassen wollte. Nachher kann sie mir mitteilen, daß sie mit vierzehn 
Monaten entwöhnt worden war, und daß sie in diesem Augenblick zu einer 
Tante aufs Land gebracht wurde, wo es ihr aber nicht gefiel. Die Abneigung 
gegen das Land, welche noch im 28. Jahre andauerte, knüpft sich an dieses 
Ereignis an und gehört so dem gleichen Komplexe an wie die anderen Sym- 
ptome. Bemerken wir endlich noch, daß Bertha einziges Kind war, und daß 
sie sich wohl bewußt war, immer ein wenig das verwöhnte Kind gewesen zu 
sein, was aber nicht dazu beitrug, diese anspruchsvolle Haltung zu korrigieren. 



„Der Vorzugssdiüler" 

Marie von Ebner-Eschenbachs Novelle 

(Über einen bestimmten Typus der Einstellung zum Kinde) 

Von Dr. Alice Sperber, Wien 

In einer früheren Arbeit 1 habe ich darzulegen versucht, daß sich der Tag- 
träumer meist überaus lustvollen Phantasien nicht ohne Rücksicht auf die 
Wirklichkeit hingeben kann, sondern daß er dabei bis zu einem gewissen Grade 
von der Realität abhängig ist. Als Hemmung für das Auftreten derartiger 
Phantasien schien mir vor allem ein Umstand in Betracht zu kommen: Erniedrigt 
sich das geliebte Wesen in den Augen des Träumers, dann ist er nicht mehr 
imstande, sich jenen Phantasien, die alle um das geliebte Wesen kreisen, 
schrankenlos hinzugeben. Da man aber nur außerordentlich schwer auf den 
gewohnten Lustgewinn verzichtet, ergeben sich aus diesem Kampf Sonderbar- 
keiten im Verhalten, die sowohl für ihn wie auch für die Umgebung verhäng- 
nisvoll werden können. Die Gefahr besteht immer darin, daß der Träumer sein 
Verhalten zu seiner Umgebung zu wenig nach dem objektiven Tatbestand 
richtet, und zu sehr nach dem Wunsch, die Legende zu retten, an der sein Herz 

1) „Über das Auftreten von Hemmungen bei Tagträumen (Der Kampf um Imago)."- 
Imago Bd. XVI, 3930. 

- 259 - 



hängt. Das Schicksal eines Kindes, das an dieser Einstellung seines "Vaters 
zugrunde geht, hat Marie von Ebner-Eschenbach meisterhaft in der Novelle 
„Der Vorzugsschüler" geschildert; sie ist gewiß für viele Fälle charakteristisch. 

Der arme Eisenbahnbeamte Pfanner, der von brennendem Ehrgeiz beseelt 
ist, hat trotz seiner Klugheit und Tüchtigkeit auf jeden wirklichen Erfolg im 
Leben verzichten müssen, denn als Sohn einer armen Näherin mußte er seit 
seinem vierzehnten Jahr sein Brot selbst verdienen und konnte nicht den 
höheren Studien obliegen, an deren Absolvierung der Aufstieg zu allen höheren 
Stellen gebunden ist. Er ist nun allerdings gezwungen, für seine Person zu 
verzichten, aber seine naive Elternliebe macht seinen Sohn Georg zum Mittel- 
punkt seiner Träumereien, was die Dichterin mit folgenden Worten schildert: 
„Erst als ein Sohn ihm geboren wurde, gab es ein zweites Wesen, ihm ebenso 
wichti" wie er sich selbst. Eine Fortsetzung seines Ichs, eine vervollkommnete 
Fortsetzung Alles, was seinem Ehrgeiz versagt geblieben, was er nicht errungen, 
sollte sein Sohn erringen." 

„Er war aus Armut und Niedrigkeit hervorgegangen, hatte einen nur 
mangelhaften Schulunterricht genossen und niemals die Aussicht gehabt, es zu 
einer höheren Stellung zu bringen. Als kleiner Beamter lebte er und würde er 
sterben. Aber der Sohn: Das Gymnasium als Primus absolvieren, den Doktorhut 
summa cum laude erwerben, schon in den ersten Anfängen der Laufbahn von 
der Glorie reichster Verheißungen umstrahlt, steigen von Erfolg zu Erfolg, von 
Ehren zu Ehren — das sollte der Sohn. Den nüchternen Offizial Pfanner, den 
unfehlbaren Rechner, den trockenen Verstandesmenschen, nahm, wenn er sich 
diesen Vorstellungen hingab, die Phantasie auf die Flügel und trug ihn über 
alle Gipfel des Wahrscheinlichen sausend hinweg. Und wenn er dann wieder 
zur Erde niederstieg und seinen Georg zufällig einmal müßig einhergehen sah 
wetterte er ihn an: ,Lern!' u 

Freud hat in seiner Arbeit „Zur Einführung des Narzißmus" (Ges. 
Schriften, Bd. VI) auf diese narzißtisch gefärbte Elternliebe hingewiesen, durch 
die sich der Träumer für eigene Enttäuschungen entschädigen will, indem er 
die Bürde seiner Wünsche und Erwartungen auf ein anderes Wesen abwälzt, 
in welchem er ja tatsächlich weiterlebt. Nun ist aber solchen Elternträumen 
ein Merkmal eigen, durch das sie sich von anderen derartigen Gebilden unter- 
scheiden. Zumeist ist nämlich der Tagträumer imstande, seine Phantasiegebilde 
als solche zu erkennen; wenn aber Eltern von ihren Kindern phantasieren, 
scheint ihnen diese Fähigkeit abhanden zu kommen. Sie schreiben dann jenen 
Wachträumen Realitätswert zu und machen ihr Benehmen den Kindern gegen- 
über von diesen Vorstellungen abhängig. Auch noch in anderer Weise unter- 
scheiden sich Elternträumereien von anderen. Der Tagträumer pflegt seine 
Phantasien zumeist geheim zu halten. Eltern aber üben nicht diese Diskretion 
und machen dem Kinde oder auch anderen Menschen davon Mitteilung, und 
zwar deshalb, weil sie nicht fürchten müssen, wegen ihrer persönlichen Eitel- 
keit verlacht zu werden oder ihre Liebesangelegenheiten preiszugeben, was 
doch im allgemeinen der Fall wäre, wenn man über Tagträume berichten 

— 260 - 



würde. An Georgs vierzehntem Geburtstag spricht Pfanner mit dem Knaben 
eingehender und zutraulicher, als es sonst seine Art ist, und erklärt ihm das 
hohe Ziel, zu dem er den Knaben bestimmt hat. „Du bist nun kein Kind mehr, 
und ich kann dir sagen, das Ziel, das du dir stecken sollst, ist, ein Staatsmann 
zu werden. Einer, der mit überlegenem Geiste und mit starker Hand die 
Teufel der Zwietracht, die unsere Heimat zerreißen, bezwingt, das große Wort: 
Gleiches Recht für alle' von den Lippen in die Herzen verpflanzt und es zur 
Tat und uns einig, groß und glücklich macht. Denk dir, ein Mann sein, der 
das vermöchte! Er würde der Retter, der Erlöser, der Abgott seines Volkes." 

n Ein ordentlicher Mensch sein ist viel und der mittelmäßig Begabte mag 

sich damit begnügen," hatte der Vater unter anderem gesagt, „ein außerordentlich 
Begabter ist sich selbst und den anderen schuldig, ein großer Mensch zu 
werden. Bei ihm kommt es nur auf den Willen an, auf den unerschütterlichen 
Entschluß." Und obwohl Pfanner als kluger Mann geschildert wird, ist seine 
Urteilskraft so sehr in seinen Träumereien untergegangen, daß er nicht bemerkt, 
daß die Vorzüge des liebenswürdigen und musikalischen Knaben in einer ganz 
anderen Richtung liegen, und nur die beständige Überwertung von Fleiß und 
Ausdauer machen ihn blind dagegen, daß Georg nur mittelmäßig begabt ist. 
Daß sein Sohn außergewöhnliche Fähigkeiten besitzt, wird für ihn zum Dogma, 
und wenn Georgs Fortgang in der Schule das nicht bestätigt, so ist dies in den 
Augen des Vaters nur ein Beweis dafür, daß der Junge, der ohnedies aus Angst 
vor dem Vater von früh bis spät lernt, faul ist. Der Wunsch, daß Georg 
Vorzugsschüler sei, wird bei seinem Vater zur Manie, und auch hier kann nur 
die unbewußte Rücksicht auf sich selbst ausschlaggebend sein, denn jedermann 
weiß, daß es auch für die glänzendste Laufbahn ziemlich gleichgültig ist, ob 
man im Gymnasium Vorzugsschüler gewesen ist oder nicht. Pfanners Verhalten 
wird also nicht von dem Interesse des Kindes bestimmt, sondern von seiner 
Treue gegen die Sohnes-Imago. 

Dieses Verhalten wird von Pädagogen als typisch bezeichnet werden. Da 
eine Unvollkommenheit des Kindes die Eltern in ihren Träumereien stört, 
trachten sie dieselbe zu beseitigen, auch dann, wenn diese Unvollkommenheit 
keine Gefahren für die Zukunft des Kindes birgt. Dieses System bezeichnen sie 
zwar häufig als ihren Erziehungsplan, in Wirklichkeit liegt aber nichts anderes 
vor, als das Bestreben, sich eine Atmosphäre zu schaffen, in der sie ungehindert 
phantasieren und sich wohl fühlen können. Die naive Rücksichtslosigkeit, die 
sie hiebei an den Tag legen, ist charakteristisch für den naiven Egoismus des 
Tagträumers überhaupt, nur daß dieser harmlos ist, solange er nicht über die 
Welt der Träume hinausgreift und für die Umgebung keine Bedeutung hat. 
Im allgemeinen ist dem Träumer über das geliebte Wesen, um das sich seine 
Träume drehen, keine sehr große Macht gegeben, und er muß sich damit 
abfinden, wie es eben geht, durch Kompromisse aller Art, durch Verzicht und 
Flucht vor der Realität. Er weiß im Grunde genommen sehr wohl, daß sein 
Einfluß nicht sehr weit reicht. Elternträume aber kreisen um ein Geschöpf, 
das noch unfertig, von ihnen sehr abhängig und ihrem Einfluß in hohem Grade 

— 261 -- 



zugänglich ist, und darin liegt eine Versuchung, die an andere Tagträumer 
nicht mit derselben Stärke herantritt; und nur allzusehr lassen sich Eltern 
dadurch in eine viel zu aktive Rolle drängen, die den eigenen Wünschen 
Rechnung trägt, während unparteiisches Beobachten und Eingehen auf die 
Individualität des Kindes das Richtige wäre. Eltern, die an irgend einem schönen 
Märchen spinnen, rächen sich oft unbewußt dafür, daß ihnen durch die körper- 
liche Anwesenheit des Kindes ihre Legende fortwährend unbarmherzig zerrissen 
zerstückelt und heruntergezerrt wird, und oft sind die Mittel, die sie anwenden 
nicht weniger schmerzlich, als das, was sie selbst zu erdulden haben. Offizial 
Pfanner scheut vor keiner Brutalität zurück, um aus seinem Sohn, den er 
schließlich zum Selbstmord treibt, ein Wesen zu machen, das ihn nicht beständig 
daran erinnert, daß seine Träume niemals Wirklichkeit werden können. Er 
hofft in der naivsten Weise auf den Erfolg seiner Bemühungen, denn auch 
dadurch scheinen sich Eltern von anderen Tagträumern zu unterscheiden daß 
sie dem Glauben an die Allmacht der Wünsche und Gedanken womöglich in noch 
höherem Grade unterworfen sind, als dies sonst der Fall ist. Enttäuschungen er- 
tragen sie um so schwerer, als ja das Kind oft die letzte Hoffnung ist, an die sie 
sich klammern. Dazu kommt noch, daß man durch Leiden nicht immer gegen neue 
Leiden abgehärtet wird. Vielmehr kann es auch sein, daß man durch Erlittenes nur 
allzu empfindlich gegen neue Enttäuschungen wird. Menschen, die so geartet 
sind, werden sich mit besonderer Energie dagegen wehren, nun auch in ihrem 
Kinde den Zusammenbruch ihrer Hoffnungen und Wünsche zu erleben. Eine 
große Rolle spielt dabei auch der Wunsch, noch einmal jung zu sein, aber 
diesmal im Besitz aller Erfahrungen, die sie schmerzlich genug erworben haben. 
Sie bedenken dabei nicht, daß eine solche Jugend diese Bezeichnung eigentlich 
nicht verdienen würde, denn die Naivität, mit der man in der Jugend den 
Dingen gegenübersteht, ist ja das für dieses Lebensalter Charakteristische. 
Auch hier stürzt sich der unvernünftige Wunschtraum auf das Kind. Es soll 
zu gleicher Zeit jung und alt sein. Wie weit die Identifizierung mit dem Kinde 
geht, beweist der Umstand, daß manche Eltern von ihren Kindern verlangen, 
daß sie auf Situationen reagieren sollen, in denen sich die Kinder überhaupt 
niemals befanden, sondern welche nur die Eltern erlebt haben. Kinder 
die sich immer sattessen, sollen dankbar dafür sein und dies als eine besondere 
Gunst des Schicksals betrachten, weil die Eltern vielleicht in ihrer Kindheit 
gehungert haben. Der Sohn, der widerwillig das Gymnasium besucht, soll sich 
dort glücklich fühlen, weil der Vater sich vergebens nach Mittelschulbilduno- 
gesehnt hat. 

In dem eingangs erwähnten Aufsatz habe ich als Hemmung für die Beschäf- 
tigung des Tagträumers mit seinen lustbetonten Phantasien außer der Ent- 
wertung des Ideales noch eine andere Bedingung angegeben. Der Tagträumer 
fühlt sich auch gehemmt, wenn in der Nähe des geliebten Wesens ein 
Konkurrent auftritt. Auch diese Bedingung erfüllt sich in der Novelle „Der 
Vorzugsschüler" in einer der Situation entsprechenden Weise. Die Konkurrenten 
sind Vater und Sohn Oberberger. Der Vater ist ein Kunstschlosser, dem es in 

— 262 — 



früheren Jahren als große Begünstigung gegolten hatte, an dem Beamtenstamm- 
tisch erscheinen zu dürfen, dann aber hatte sich der Standesunterschied verrückt. 
Oberberger war Fabrikant geworden, wohnte im eigenen Hause, hatte einen 
eigenen Wagen, trug das Band des Franz Josephs-Ordens im Knopfloch und 
saß am Stammtisch zur Rechten des Inspektors. „Das alles hätte Pfanner hin- 
gehen lassen und sich nicht weiter darum gekümmert. Aber dieser Schlosser 
hatte einen Sohn und dieser Sohn trat seinem Georg im Gymnasium auf die 
Fersen, konnte ihn einholen, konnte ihn überflügeln, denn der verdammte Bub 
hatte Talent, sein ärgster Feind mußte das zugeben. .Talent um eine Million', 
wie Herr Oberberger sagte, ,aber nicht um einen Heller Fleiß'". 

Das Verhalten Pfanners, der übrigens in der Zukunft lebt und das, was die 
Gegenwart darbietet, geringschätzt, ist charakteristisch für die typische Anspruchs- 
losigkeit des Tagträumers. Solange nicht das von ihm ängstlich bewachte Heiligtum 
seiner Seele gefährdet ist, findet er sich mit allem ab. Dann aber wird er von 
glühendem Neid erfüllt. Was kümmern den armen Offizial Pfanner alle Ent- 
behrungen, die er sich und seiner Familie auferlegt, nur um dem geliebten 
Sohne Freiwilligen] ahr und Hochschulstudium zu ermöglichen, was liegt ihm 
an den äußeren Erfolgen des Kunstschlossers, den er im Grunde genommen 
in seinem Eigendünkel verachtet, wenn nur nicht in dem talentierten jungen 
Pepi Oberberger seinem Georg ein gefährlicher Konkurrent in der Schule 
erstehen würde. Das wird zum eigentlichen Grund von Pfanners Erbitterung 
gegen den Kunstschlosser. Auch dies ist eine Rücksichtnahme auf seine Phan- 
tasien und nicht auf seinen Sohn, da in keiner Weise ersichtlich ist, wieso die 
Schulerfolge des begabten Pepi Oberberger Georg einen tatsächlichen Schaden 
zufügen sollten. 

Das Übergreifen von Phantasien in die Sphäre der Realität bedeutet für uns 
alle eine Gefahr, der sich schwerlich jemand ganz zu entziehen vermöchte; 
wie bei vielen psychischen Phänomenen bedarf es auch hier oft keines weiteren 
qualitativen Unterschiedes, sondern nur einer quantitativen Steigerung, um das 
Abnorme vom immerhin noch Normalen zu scheiden. 



Fragestunden in einer Klasse 

Von Dr. Edith Buxbaum, Wien 

Ich habe in einer Klasse 10-11 -jähriger Mädchen Fragestunden abgehalten. 
Es war den Kindern vollkommen freigestellt zu fragen, was sie wollten. Es war nun 
interessant zu beobachten, wie die Klasse, die doch aus einer Vielheit besteht, doch 
einheitlich assoziiert und reagiert hat. Die erste Stunde begann mit Fragen nach 
Telephon, - Grammophon, dann aber weiter: Telegraph, Blitz, Elektrizität. Die 
affektiv betonte Frage war die nach dem Blitz, die in einer späteren Stunde wieder- 
kehrte. Als ich mit den Kindern auf ihre Frage nach Elektrizität über die Wellen- 
theorie sprach, wurde meine Anregung von ihnen auf das Thema Erdbeben weiter- 

- 263 - 



geführt. Die gegebenen Hypothesen lassen den symbolischen Charakter der Frage 
deutlich erkennen; so wenn eine meint, ein Erdbeben entstehe dadurch, daß „Dinge, 
die sich nicht vertragen, in der Erde zusammenstoßen". Aus den Analysen wissen 
wir, daß die Kinder den Geschlechtsverkehr als etwas Schreckliches, Grausames auf- 
fassen. So wird er in Träumen häufig als eine Katastrophe, Zusammenstoß, Krieg 
Erdbeben dargestellt. Es scheint nun Katastrophentheorie von der Vorstellung des Koitus 
dazuzugehören, wenn die nächste Frage lautet: „Wieso fallen die Sterne nicht 
herunter?" — die letzte Frage nach Suggestion wird, so wie die zweite Frage nach 
dem Grammophon, abgelehnt. 

Es sieht so aus, als ob die Klasse die geschlossene Assoziationsreihe wahren möchte 
gegen die scheinbare Abweichung der Einzelnen. 

Die zweite Stunde, eine Woche später, beginnt mit Fragen nach Aeroplan, Luft- 
schiff, Rakete. Die Kinder haben sich ein anderes Symbol für dieselbe Frage aus- 
gesucht. Wir erkennen die Frage nach dem Blitz, der Elektrizität wieder. Die Ant- 
worten, die rein sachlich gegeben wurden, konnten die Kinder nicht befriedigen, weil 
die Antwort auf ihre eigentliche, ihnen unbewußte Frage, die nach dem Koitus, nicht 
gegeben wurde. So sind sie genötigt, das zweite Thema aus der ersten Stunde wieder 
aufzugreifen. Die vollkommene Analogie ist ihnen unbewußt. So fragen sie: „Jetzt 
aber etwas ganz anderes. Was ist, wenn man in die Erde hineinbohrt?" 

Diese beiden Stunden zeigten ziemlich geschlossene Assoziationen. Das Interesse 
der Kinder war lebhaft. Die Fragen waren so weit entfernt von jeder Verfänglich- 
keit, daß sie es ruhig wagen konnten, symbolisch — offen für den Analytiker — nach 
der Rolle des Mannes und dem Vorgang des Koitus zu fragen. 

Wieder eine Woche später haben wir die dritte Fragestunde. Verhängnisvoller 
Weise fängt sie an: „Wieso spürt man das Herz klopfen?" Die Frage 
wird von den Kindern abgelehnt und zwar in der Form, daß sie das Thema nicht 
weiterführen und vollkommen ungeordnet aus den verschiedensten Gebieten fragen; 
es gibt im Gegensatz zu den ersten Stunden keine Richtung, es ist ein wüstes Durch- 
einander. Die Frage scheint zu persönlich, da sie vom „Spüren" am eigenen Körper 
spricht. Der Widerstand der Klasse zeigt das vollkommene Verständnis für das kaum 
verhüllte Geständnis der geschlechtlichen Erregung, der Onanie. Diesmal lehnen sie 
im Gesamtwiderstand die Frage ab, so wie sie in den ersten Stunden mit dem Gesamt- 
willen zur Konsequenz den Widerstand der Einzelnen gebrochen haben. Erst nach 
geraumer Zeit beruhigen sich die Gemüter; zaghaft, wieder in symbolischer Form, 
wagt sich ihr Interesse hervor: Blitz — wir verstehen, was die Wiederholung der 
Frage aus den ersten Stundan bedeutet: wir fragen ja gar nicht nach dem Blitz, wir 
meinen etwas anderes. Dann noch näher: Regen — obwohl sie alle schon längst wissen 
wie der entsteht. Und schließlich: „Wie wächst der Mensch?" — Ist es nicht, als ob 
sie wüßten, das war die Frage nach der Befruchtung und jetzt sagen sie, so wie 
Homburgers kleiner Schüler, von dem er in seinem Aufsatz 1 berichtet, sagt: 
„Ich will doch liebst vom Menschen fragen." Aber die Frage wird doch noch im 
letzten Augenblick verändert, etwas harmloser gemacht. Nicht nach der Entstehung, 
nach dem Wachstum wird gefragt. Die Frage nach dem Koitus ist die, die die Kinder 
interessiert, aber gerade diese Frage ist mit dem stärksten Verbot belegt. Mit diesem 
Durchbruch aber ist die Fragelust der Klasse erloschen, so wie der Patient zögert, 

1) E. Homburger, Die Zukunft der Aufklärung und die Psychoanalyse. Zeitschrift 
für psa. Pädagogik IV (1930). Heft 6/7. 

- 264 - 



bevor er den letzten Widerstand preisgibt. Vielleicht wäre es nicht unmöglich gewesen, 
durch einen Hinweis im Sinne der Deutung diesen Widerstand zu beheben. Es lag 
mir aber daran zu sehen, wie und ob er sich von selbst löst. Es wurde nun beschlossen, 
die Fragestunden einzustellen, so lange, bis die Kinder wieder das Bedürfnis danach 
hätten. Diese Pause dauerte ein halbes Jahr. 

Die Fragen beginnen wieder mit Grammophon. Aber gleich darauf: „Wie spricht 
der Mensch?" Und wieder ein ängstliches Zurückziehen in die Symbolik: „Was ist, 
wenn man in den Himmel hinauffährt, immerzu, geradeaus?" Und: „Was ist. wenn 
man in die Erde hinuntersteigt, immerzu, geradeaus?" Schließlich aber fragen sie 
doch wieder vom Menschen: „Wie bewegt sich der Mensch?" So nahe sind sie der 
eigentlichen Frage und so erfüllt davon, daß ein Teil der Klasse sich verhört und 
meint, die Frage laute: „Wie entsteht der Mensch?" Es entsteht ein Gekicher und 
schließlich, auf meine Aufforderung hin, sagt mir eine, was sie verhört haben und 
was sie fragen wollen. „Wie entsteht der Mensch?" 

Von Anfang an zielen die Fragen der Kinder auf diese Eine hin: die Rolle des 
Mannes, Koitus, Befruchtungsvorgang. Auch die Formulierung dieser Frage zeigt, 
daß ihr Interesse nicht nach dem Wachstum des Kindes im Mutterleib geht, sondern 
nach dem Vorgang, durch den es entsteht, wie es für dieses Alter typisch ist. 

Die Klasse verhält sich durchaus einheitlich als Masse. Nach meiner Erfahrung 
rafft sich das einzelne Kind wohl dazu auf, seine Frage in symbolischer Form zu 
stellen, bleibt aber dann aus Angst bei dieser Form. Die Klasse überwindet die Angst 
leichter und drängt zu immer durchsichtigeren Symbolen, bis sie sich schließlich zu 
der eigentlichen Frage durchringt. Sie verhält sich so wie Freud es nach Le Bon 
in „Massenpsychologie und Ich- Analyse" schildert. 1 

Die Masse überwindet leichter die Angst vor dem Verbotenen. Das Schuldgefühl 
ist herabgesetzt. Dies zeigt sich in einer gewissen Erregimg, die sich bis zu einer 
aufgeregten, übermütigen Stimmung steigert. Diese Reaktion hatte ich ein anderes 
Mal zu beobachten Gelegenheit. Als wir einmal über Angst sprachen, begannen die 
Kinder ihre Ängste zu gestehen. Die daraus hervorgehende Stimmung war die des 
übermütigen Triumphes. Jedes einzelne Kind empfand: nicht ich allein habe Angst, 
die anderen haben es auch. Und unbewußt bedeutete das für sie: nicht ich allein 
habe verbotene Wünsche, diese selben Wünsche haben die anderen auch. Das Gefühl 
der gemeinsamen Schuld setzt die Schuld jedes einzelnen herab. 

Ähnlich war auch die Stimmung der Klasse, als die Frage nach der Entstehung 
des Kindes gestellt war. Erleichtert war die Haltung der Kinder dadurch, daß i c h 
sie zu ihren Fragen aufgefordert, respektive ihnen jede Frage freigestellt hatte. Ich 
aber spielte dieser Masse gegenüber die Führerrolle, d. h. ich war Vertreter der 
elterlichen Autorität. Meine ausdrückliche Erlaubnis entsprach einer Aufhebung des 
elterlichen Verbotes, wenigstens so lange, als ich der Gesamtheit als Führer gegen- 
überstand. Durch diese doppelte Erleichterung des Schuldgefühls getraute sich die 
„Masse" Klasse, gegen ihre gemeinsame Angst und aus gemeinsamer Angst, die 
Symbolik, — die Sprache des Unbewußten — durch die Sprache des Bewußtseins 
zu ersetzen. 

i) Freud: „Massenpsychologie und Ich-Analyse" II. Kap. (Ges. Sehr. VI, S. 266) 
„ . . . daß das Individuum in der Masse schon durch die Tatsache der Menge ein 
Gefühl unüberwindlicher Macht erlangt, welches ihm gestattet. Trieben zu frönen, 
die es allein notwendig gezügelt hätte. . . ." 

Zeitschrift f. psa. Päd., V- 265 — 19 



Über die Geduld kleiner Kinder 

Von M. N. Searl, London 

Gewöhnlich denkt und hört man mehr von der Ungeduld der Kinder, 
als von ihrer Geduld. Sicherlich macht die Ungeduld auf den Erwachsenen den 
größeren Eindruck, wohl, weil seine Eitelkeit und demzufolge auch seine Selbst- 
sicherheit dem Kinde gegenüber darunter leiden würde, wenn er sich klar 
machte, daß das Kind im Umgang mit ihm eine Geduld übt, die nicht geringer 
ist als jene, welche Erwachsene in gütigem Verständnis dem Kinde entgegen- 
bringen. 

Ich befaßte mich in Gedanken schon einige Zeit mit diesem Thema, als mir 
zufällig der folgende Artikel im „Punch" (30. Juli 1930) mit dem Titel „Er- 
wagsenenpsiechologie" in die Hände fiel. Ein kleines Mädchen schreibt für 
ihre Schulzeitung und beginnt folgendermaßen: „Psiechologie ist, was ein ande- 
rer Mensch denkt, das in einem ist. Die Haubtsache in bezug auf Erwagsenen- 
psiechologie ist ihre unersettliche Neugierde über uns Kinder und was wir uns 
denken". Mit Hilfe ihres Onkels setzt sie jetzt mit verbesserter Orthographie 
und in einem schöneren Stile fort: „Es gibt zwei Meinungen bei den Kindern, 
wie weit diese Neugierde der Erwachsenen befriedigt weiden soll; manche ver- 
treten die Meinung, daß sie krankhaften Ursprungs sei und deshalb energisch 
abgewiesen werden sollte; andere wieder sind der entgegengesetzten Meinung 
und trauen lieber ihrer Erfindungsgabe einiges zu, als daß sie sich der Gefahr 
aussetzen wollten, die Erwartungen der Lehrer und der Eltern zu enttäuschen. 
Es ist wohl am richtigsten, den Mittelweg einzuschlagen; man soll den neugie- 
rigen Erwachsenen nicht barsch abschrecken, indem man sagt, er oder sie ,sei 
zu alt, um das zu verstehen'. Versuche lieber herauszufinden, was man von dir 
erwartet, daß du denkst, und dann sage genug, um den Erwachsenen zufrieden 
zu stellen; aber hüte dich, ihm eine so hohe Meinung von deiner Intelligenz 
zu geben, daß es nachher zu unangenehm oder gar unmöglich wäre, ihr zu ent- 
sprechen. 

Eine Eigentümlichkeit, die jedes Kind, das viel mit Erwachsenen zu tun 
hatte, beobachten mußte, ist ihre Unfähigkeit, sich für längere Zeit zu kon- 
zentrieren. Wie schnell wird ein Erwachsener, sogar beim interessantesten Spiel 
wie z. B. Steine in einen Teich werfen, ermüden! Ein sonst hochintelligenter 
Erwachsener wird, nachdem er eine Geschichte einmal laut vorgelesen hat 
unweigerlich versuchen, zu einer anderen überzugehen. Durch Freundlichkeit 
und Ausdauer kann es vielleicht gelingen, ihn dazu zu bewegen, die Geschichte 
ein zweitesmal zu lesen, aber eine weitere Wiederholung würde eine zu große 
Anstrengung für Onkels Gehirn bedeuten, und das Kind, das ihn dazu zu zwingen 
versuchen würde, wäre höchst unklug ..." 

Dies ist eine Seite des Problems, die der allgemeinen Beobachtung zugäng- 
lich ist, wenn sie auch oft übersehen wird. Eine auffallendere Erscheinung, 
die den Analytiker auch mehr zum Nachdenken anregen kann, zeigt sich in 
der Spielanalyse kleiner Kinder von ungefähr drei Jahren. Ich meine damit die 
geduldigen Bemühungen der Kinder, dem Analytiker ihre störenden Phantasien 
verständlich zu machen. Da zeigt sich ein Gegensatz zu der fast oder ganz un- 
bewußten Darstellung der Phantasien bei größeren Kindern und ihrer Ungeduld, 

- 266 - 



wenn ein Ausdruck einer mehr bewußten Phantasie nicht sofortigem Verständ- 
nis begegnet. 

Im folgenden ein Beispiel für die Bemühungen eines Dreijährigen. Jerry 
kam nach einer längeren Sommerpause wieder in Analyse; er besuchte auch 
einen Kindergarten, von dem ich irrtümlicherweise annahm, daß er erst in 
zwei bis drei Tagen beginnen würde. Am zweiten Analysentag nahm Jerry 
einige seiner kleinen Spielfiguren, Männer und Frauen, Tiere, einen Zug und 
eine Laterne heraus und begann ein sorgfältig ausgeführtes Spiel zu spielen 1 
„Da kam einer mit einem Lamm, — das ist doch ein Lamm, nicht wahr? — 
und dann kam es hier um die Ecke herum, und der Mann kletterte auf die 
Laterne. Wozu ist dieses zerbrochene Stück da?" — (Ein Stück Holz an der 
Laterne, das den Gasanzünder darstellen sollte und in Wirklichkeit gar nicht 
zerbrochen war.) „Dann purzelte der Mann hier herunter und dieser kleine 
Mann purzelte auch mit ihm herunter" — und während er erzählte, führte er 
auch im Spiel diese Handlungen aus, indem er sie wieder auf den Tisch setzte. 
„Nur der große Mann" (auf meine Frage „ja, der große Papa-Mann") „darf 
hier herauf klettern. Hier war das Lamm und da kam der Tiger: das ist doch 
nur ein Spieltiger, nicht? Es ist doch nur ein Spielzeug?" fragte er angstvoll. 
Ich versicherte ihm, es sei nur ein Spieltiger und deutete dann die Phantasie, 
da ich seine Angst bemerkte. Gerade vorher hatte er die Spielzeuglokomotive 
um den Tisch herumfahren lassen und kuppelte noch einen Güterwagen an, 
— die Bedeutung dieser Handlung wird später klar werden. Im Augenblick 
verstand ich sie auch nicht ganz. Ich sagte ihm auf Grund dieses Spieles und 
entsprechenden Materials in der letzten Stunde, er hätte sich gedacht, damit 
er einen freundlichen Papa haben soll, muß er den Papa seine Papasache mit 
der Mama machen lassen, wenn es auch eine solche Papasache ist, die die Mama 
zerbricht (der zerbrochene Gasanzünder), und darf sie nicht selbst machen wol- 
len. (Nur der große Papa-Mann darf herauf klettern.) Wenn er den Papa kaputt 
macht, würde ihn der böse Papa auch kaputt machen. (Da purzelte der Mann 
herunter und da purzelte der kleine Mann auch herunter.) Darum wollte er 
das Lamm sein, das nichts Böses tun kann. Aber er dachte, daß der böse Tiger- 
papa kommen würde, weil er in Wirklichkeit den Papa kaputt machen wollte, 
und jetzt fürchtete er, daß das Lamm nicht stark genug sein würde, um gegen 
den Tiger zu kämpfen. Ich gab ihm diese Deutung nicht so zusammenhängend, 
wie ich sie hier beschrieben habe. Ein Teil von Jerrys Angst schwand während 
der Deutung, aber er setzte das Spiel fort, indem das Lamm immer mit Hilfe 
von verschiedenen Personen dem Tiger entkam. Da fügte ich noch die Deutung 
hinzu, daß ich ihm jetzt als der böse Tigerpapa erscheine, dem er zu entkom- 
men versuche. (Er war zu meinem Zimmer mehrere Stockwerke heraufgeklettert, 
und zwar den letzten Absatz ganz allein, vgl. das Spiel mit dem Mann, der auf 
die Laterne klettert.) Nach dieser vervollständigten Deutung nahm Jerry das 
Spiel wieder erleichtert und mit einer Änderung auf. 2 Er stellte nun eine An- 
zahl voiijnere^zusajr^^ 

i) In der Phantasie des Kindes stellen, ähnlich wie in den Träumen und Tag- 
träumen der Erwachsenen, auch die Tiere und Gegenstände Personen und Körper- 
teile (Genitalien) von Personen dar. 

2) Ähnlich wie die durch die Deutung erzielte Verringerung der Angst beim Er- 
wachsenen häufig zu einer Änderung seiner Assoziationen führt, bewirkt sie beim 
Kinde oft nicht nur Erleichterung, sondern auch eine Änderung seines Spieles. 

— 267 - 19" 



und ein Reh, und ihnen gegenüber den Tiger. Diese Aufstellung der Tiere 
wiederholte Jerry nun viele Male, ohne weiter zu spielen, nur, daß er es von 
Zeit zu Zeit unterbrach, um einen Personen- oder Güterwagen an seinen Zuq- 
anzukoppeln, und dann kehrte er zu seinen aufgestellten Tieren zurück. Sicht- 
lich wollte er mir etwas sagen, was ich nicht 'verstand. Es war ein Spiel mit 
einem ganz, bewußten Zweck, ein Spiel, das er ausführte in der bewußten Er- 
wartung, von mir eine Erwiderung zu erhalten; das er wiederholte, indem er 
immer wieder nach meinem Gesicht schaute, und das er geduldig wieder an- 
fing, als ich ihm nichts deutete. Während des Spieles erzählte er Verschiedenes 
mit zahlreichen Details, und im Augenblick kannte ich mich nicht aus. Schließ- 
lich, nachdem er seinen letzten Güterwagen zum Zug hinzugefügt hatte, zeigte 
mir Jerry mit sichtbarer Geduld, wie immer einer von den kleinen Männchen 
und Frauchen kam, die einzelnen Tiere abzuholen, — „da kam dieser Mann 
und holte dieses Tier ab, da kam diese Frau und holte dieses ab" — usw. Nun 
verstand ich. Heute morgen hatte der Rindergarten wieder begonnen, und die 
Tiere stellten die Kinder dar, die zu Mittag nach Hause gingen. Jerry empfand 
den Zwiespalt, daß er ein Tiger sein müßte, um so stark zu sein wie der Tiger- 
papa, aber dann würden wieder alle Kinder sich gegen ihn verbinden, den 
Tiger hassen und mit ihm nicht spielen wollen. Während ich ihm dies deutete 
beobachtete er mich auf das genaueste. Mit allen Anzeichen einer völligen Be- 
friedigung nahm er den Zug auseinander und sagte „damit ist jetzt Schluß 
damit ist jetzt ganz Schluß". Nun verstand ich auch die Sache mit dem Zu«/ 
Jerry fürchtete, daß, nachdem er den Vater beschädigen und schwächen wollte 
dieser nun zu schwach sein würde, um ihm zu helfen. Darum mußte er, als 
ich in der Rolle des helfenden Vaters ihn nicht verstand, etwas tun, damit' der 
väterliche Penis (der Zug) verstärkt würde. 

Es ist ja richtig, daß später, wenn wir uns den tieferen, vom Ich verurteilten 
Schichten des Phantasielebens nähern, Jerry nicht mehr bewußte Anstrengungen 
machen wird, um sich mir verständlich zu machen; er selbst wird auch nicht 
so genau wissen, was er durch sein Spiel darstellen will. Die Verdrängung und 
der von ihr ausgehende Widerstand werden zu groß sein. Aber das Wesentliche 
in diesem Alter, und soviel ich beobachtet habe, in keinem späteren Alter ist 
daß das Kind eine ganz bewußte geduldige Anstrengung macht, um dem Ana- 
lytiker die Details seiner Phantasien verständlich zu machen. Das geschieht aller- 
dings erst, wenn der Analytiker seine Fähigkeit zum Verständnis bewiesen hat. 
Es wird, wie ich schon sagte, nicht der Fall sein, wenn wir auf die tiefere 

Angst stoßen, aber es ist eine ganz gewöhnliche Erscheinung in den ersten Phasen 

der Frühanalyse. Melanie Klein hat viele Beispiele dafür angeführt, wie kleine 

Kinder Deutungen aufnehmen und verarbeiten. 1 

Ich will noch zwei Beispiele dafür bringen, wie sehr sich das Kind befreit 

fühlt, sobald es verstanden wurde. Diese Erleichterung ist das Gegenstück dazu 

daß das Kind das fehlende Verständnis mit größerer Geduld ertragen kann, als 

gewöhnlich angenommen wird. 

Der zwei drei viertel jährige Bennie fühlte sich durch meine Deutungen in der 

ersten Zeit der Analyse so erleichtert, daß er lange Zeit in der Analyse kein 

1) Melanie Klein: Eine Kinderentwicklung. Image VII. 1921. — Zur Frühanalvse. 
Imago. IX. 1923. — Die Bedeutung der Symbolbildung für die Ichentwicklung. Zeit- 
schrift für Psa. XVI. 1930. 

- 268 - 



Zeichen von Ungeduld zeigte. So wartete er z. B. geduldig, bis ich nach seinen 
Angaben Wagen und Tiere mit Garn zusammenband, oder andere kompliziertere 
Sachen ausführte. Seine Ängste -waren sehr große, aber sie nahmen nicht die 
Form der Ungeduld an; trotzdem er an schweren Phobien litt, war die früheste 
orale Situation befriedigend gewesen, und man konnte darum erwarten, daß 
seine hauptsächlichste orale Ungeduld (die Ungeduld des hungernden Säuglings 
nach der Mutterbrust) sich erst am Ende der Analyse zeigen würde. Aber trotz- 
dem, wenn ich Bennie mit älteren Kindern von ungefähr der gleichen psychischen 
Struktur vergleiche, bin ich überzeugt, daß sich bei diesen die Ungeduld viel 
leichter äußert. Weiterhin, zwei oder dreimal, als ich eine Deutung gab, die 
große Angst auflöste, bat Bennie mich, „sage das noch einmal von Papa und 
Mama", oder „das von mir", je nachdem; ja sogar den nächsten Tag kam er 
auf das gleiche Thema zurück und bat mich um eine Wiederholung der Deutung. 
Sicherlich war nicht die ganze Angst aufgelöst worden, sonst hätte er nicht die 
Wiederholung gebraucht. Aber ein älteres Kind hätte nie diesen Weg gewählt, 
daß es die Quelle der Erleichterung anerkennt und den Wunsch nach weiterer 
Erleichterung ausdrückt. 

Der dreijährige B. versuchte auf alle nur mögliche Weise seinen Wunsch, 
die Eltern und die kleine Schwester von unten zu beobachten und so zu sehen, 
was sie mit dem Penis machen, in der Analyse auszudrücken. Er stellte 
ihn erst in der einen, dann in der anderen Form dar, aber seine Analytikerin 
wartete noch ab, um sicherer zu gehen und sagte nichts. Da nahm er einmal 
mit allen Zeichen der geduldigsten Mitarbeit drei Bäume, legte sie vorsichtig 
nebeneinander, so daß sie mit ihren Standbrettchen genau die Ecke des Teppichs 
berührten (die Ecke des Teppichs bedeutet in der Frühanalyse ähnlich wie in 
der Traumsymbolik gewöhnlich den Penis) und sagte „R. zeigt es jetzt Miß D." 
und legte sich flach auf die Erde und starrte die Unterteile der Bäume an. 1 

In welchem späteren Alter begegnen wir einer solchen hilfreichen Mitarbeit? 
Es ist oft betont worden, daß eine der Schwierigkeiten der Kinderanalyse darin 
besteht, daß in ihr, im Vergleich mit der Erwachsenenanalyse, die Mitarbeit 
des Patienten fehlt. Wenn das auch in der Analyse größerer Kinder richtig sein 
mag, (es ist nur in einem sehr geringen Grade der Fall, wenn man sie als 
Kinder und nicht als Erwachsene analysiert), in der Analyse kleiner Kinder 
liegen die Verhältnisse in dieser Beziehung günstiger als beim Erwachsenen. 

Zweifellos haben diese kleinen Kinder noch nicht die Hoffnung aufgegeben, 
ihr symbolisches Phantasieleben, das zu dieser Zeit noch so viel bewußter ist 
als später, verständlich zu machen. Darum sind sie so leicht bereit, die Deutungen 
des Analytikers anzunehmen, solange man sich nicht der stärksten und tiefsten 
Angst nähert. Denn das Verständnis und die dadurch erzielte Erleichterung ist 
etwas so seltenes und etwas so wertvolles, daß sie geduldig mitarbeiten wollen, 
um mehr davon zu erhalten. Welch eine Perspektive eröffnet sich hier, wenn 
wir an die mißlungenen Versuche der Kinder, sich Verständnis zu verschaffen 
denken, und an die vielen Enttäuschungen, die sie dabei erleben, und deren Tiefe 
der Größe der Erleichterung entspricht, die sie empfinden, wenn sie Verständnis 
begegnen. Geduld kann als eine sublimierte Hartnäckigkeit bezeichnet werden, 
und wie jede Sublimierung kann sie nur dann bestehen, wenn sie in der Wirk- 

1) Mitgeteilt von Helen Sheehan-Dare. 

- 269 — 



lichkeit ihre Begründung findet. Man kann nicht geduldig sein, wenn man alle 
begründeten Hoffnungen aufgeben mußte, und man kann nicht vernünftigerweise 
Hoffnungen hegen, wenn in der langen Ewigkeit der frühen Kinder jähre das 
kindliche Phantasieleben, das sich um die Ödipussituation gruppiert, niemals ver- 
standen wurde. Daher stammt wohl die größere Ungeduld in der Analyse älterer 
Kinder, zum Unterschied von den ganz kleinen Kindern. Inwiefern kann man 
unter diesen Umständen überhaupt von der Ungeduld der Kinder sprechen? 
Könnten wir nicht mit dem gleichen Recht von ihrer erstaunlichen Geduld 
sprechen? Man denkt an die verzweifelten "Versuche in den ersten Lebensjahren, 
die nicht nur dem Wunsch nach Befriedigung, sondern auch dem Wunsch nach 
Verständnis galten, an die Stürme und Tränen, deren wahrer Grund auch der 
liebendsten Mutter verborgen bleibt. Es wurde oft gesagt, daß die Verstän- 
digungsmöglichkeiten der menschlichen Gesellschaft im Vergleich zu denen der 
Bienen- und Ameisenstaaten hinter ihrer sonstigen Entwicklung zurückgeblieben 
sind, — ein Mangel, den unsere Kultur jetzt auf jede Weise auszufüllen bestrebt 
ist. Aber für die erste Kindheit bleibt dies sicherlich wahr, und darin besteht 
ihre Tragödie. Hier haben wir bis jetzt noch kein Mittel, um Abhilfe zu schaffen, 
aber, wenn einmal die erste Verständigungsmöglichkeit mit den Erwachsenen 
hergestellt ist, wenn das kleine Kind unsere Sprache verstehen gelernt hat, dann 
wird es durch die Analyse möglich, diese ersten Erwartungen zu erfüllen und 
damit zu verhindern, daß die Enttäuschung eine dauernde wird. 

(Übersetzt von Dr. M. Schmideberg» 



l. 



Wie Kinder sich ihre Aufklärung holen 

Mitgeteilt von Adolf Schäfer, Freudental (Württemberg) 

Einige Tage nach meinem Amtsantritt an der Volksschule S. wurde ich abends 
•während ich meine Vorbereitungen für den folgenden Schultag machte, von einigen 
Mädchen der mir unterstehenden Unterklasse, im Alter von sieben bis acht Jahren, 
aufgesucht. Ich ließ die Kinder ruhig ins Klassenzimmer hereinkommen, hat mir aber 
aus, mich in meiner Arbeit nicht zu stören. Die Mädchen traten ziemlich schüchtern 
und befangen in das Zimmer; sie schauten drein, als wüßten sie eigentlich selbst 
nicht recht, weshalb sie angeklopft hatten und in das Zimmer wollten. 

Zuerst wurden Fangspiele um die Schulbänke herum gemacht. Dann kamen Ver- 
steckspiele an die Reihe, wobei mein Stuhl regelmäßig zum Versteckplatz gewählt 
wurde. Als der Tumult zu groß wurde und ich Einhalt gebot, gingen die Mädchen 
an die Wandtafeln. Jedes nahm eine Kreide und schrieb, wie wenn es vorher aus- 
gemacht worden wäre, den Namen ihrer Freundin mit einer „Beibemerkung" an die 
Tafel. Mit viel Gekicher wird dann die anzügliche Bemerkung von der damit 
Betroffenen wieder weggewischt. Auf einmal gingen die Mädchen hinter die Tafel. 
Das unterdrückte Gelächter verrät, daß etwas Interessantes gezeichnet wird. „D'Martha 
hat Sie grad g'malt", ruft ein Mädchen zu mir herüber, „wenn Sie's nur gesehen 
hätten!" „Dann ist's recht", sage ich, „wenn sie mich nur recht schön gemalt hat. 
Ich habe gar keine Zeit zum Ansehen." Immer unbefangener wird gezeichnet und 
zwar auch auf die mir zugekehrte Tafelfläche. Ich lasse mir gar nicht anmerken, 
daß ich das Gespräch der Kinder belausche. Das unterdrückte Gekicher nimmt auf 

— 270 — 



einmal zu und gleich darauf höre ich: „Au. Herr Seh., gucken Sie doch einmal her. 
was die Martha gemalt hat!" 

Ich drehe mich herum und sah an der Tafel das Bild einer Frau mit entblößter 
Brust ihr Kind stillend. Trotzdem die Formen eindeutig dargestellt waren, gab ich 
vor, aus der Zeichnung nicht recht drauszukomrnen. Ich wollte abwarten und zusehen, 
ob nicht noch weitere verräterische Wunschenthüllungen zutagekämen. 

Nachdem die Zeichnungen weggewischt waren, beratschlagten die Mädchen, wie 
sie sich jetzt unterhalten könnten. „Wir machen ein Spiel", wird einstimmig gerufen. 
„Ich weiß ein feines", ruft Martha, „ein Pfänderspiel". — „Au ja", jubelt Emma, 
„aber da muß der Herr Seh. auch mitmachen". Als eines der Mädchen sagt, sie 
wüßte nicht, was ein Pfänderspiel ist, erklärt es Emma (dabei lacht sie ganz aus- 
gelassen): „Da wird zum Beispiel ausgemacht, man dürfe nicht lachen; und wer dann 
doch lacht, der muß ein Pfand hergeben. Nachher werden die Pfänder eingelöst, und 
dabei darf dann jeder sagen, was das Pfand tun muß. Wenn du gefragt wirst ,was 
soll das Pfand in meiner Hand?', dann sagst du z. B.: Herrn Seh. einen Kuß geben." 
Da ich im Verlauf des Spiels nicht zum Lachen zu bringen war, sahen sich Emma 
und Martha in ihren Hoffnungen getäuscht. Ganz unerwartet sprang plötzlich Emma 
zu mir her, umschlang mich mit beiden Armen und küßte mich ganz wild. 

Am Abend des nächsten Tages klopft es an meine Zimmertüre, und herein treten 
Martha und Emma. Jedes drückt sich herum und keines rückt mit der Sprache 
heraus. Mein Bett lenkt das Interesse auf sich. „Herr B. hat da auch sein Bett 
gehabt. Wir sind oft in seinem Zimmer gewesen." (Herr B. ist mein Amts Vorgänger.) 
Ganz spontan ruft auf einmal Martha: „Au, ich weiß was Feins!" Mit diesem Wort 
macht sie einen Hechtsprung auf mein Bett und umarmt die Bettdecke. Emma macht 
dasselbe und nun liegen die beiden ganz ruhig nebeneinander auf dem Bett. Sie 
umarmen sich gegenseitig. Martha ruft mit verschämtem Lachen: „Herr Seh., kommen 
Sie doch einmal her, d' Emma will Ihnen etwas ins Ohr sagen." — „Ich kann nicht 
kommen", sage ich. „ich habe gar keine Zeit übrig, kommt doch lieber zu mir und 
setzt euch an den Tisch her!" 

Die beiden Mädchen setzen sich zu mir an den Tisch; sie sehen verlegen drein. 
Ich fordere sie auf, ein kleines Aufsätzchen zu schreiben; vielleicht könnten sie einen 
Traum erzählen, den sie in der letzten Nacht geträumt haben. Emma schreibt 
folgenden Traum: 

Mir liatte geträumt, daß ich beim Herrn Seh. gewesen, und ich und Martha hupften auf 
dem Bett herum, daß Herr Seh. ganz narret wurde und dann sind wir wieder nach Hause. 

Martha richtete ein Brieflein an mich: 

Lieber Herr Seh.! Wir möchten morgen gerne zeichnen. Das tun wir herzensgern. Wir 
möchten auch gern rechnen und ausschneiden. 

Nachdem mir die zwei Arbeiten gezeigt worden sind, wird wieder Langeweile 
geheuchelt. Ich schlage nun vor, sie sollen irgend etwas zeichnen. Beide fangen 
gleich an zu zeichnen, halten aber immer die Hand über die Zeichnung. Sie springen 
immer zueinander herüber und hinüber und lassen beinahe nach jedem Strichlein 
einander die Zeichnungen sehen. Dabei lachen sie viel, immer imterdrückt und ver- 
schämt. Beide haben einen roten Kopf. „Wenn du deins sehen läßt, lasse ich auch 
meins sehen!" Ich sage, vor mir brauche man sich doch nicht genieren. Martha 
zeigt daraufhin zuerst ihre Zeichnung, eine Frau mit großer Brust ein Kind stillend. 
Dann zeigt auch Emma ihre Zeichnung, eine Frau, bei der hinten (Gesäßgegend) 
der Kopf eines Kindes herausschaut. Als ich ganz gelassen und mit Ruhe die 
Zeichnungen betrachte, platzt auf einmal Emma heraus: „Herr Seh., jetzt sagen Sie 
einmal, ist das wahr, daß 7 d Kindla zum Arsch rauskomme, 's Mariele hat mir*s 
g'sagt?" 

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Der Aufklärungswunsch war das unbewußte und bewußte Motiv für einen großen 
Teil der geschilderten Kinderhandlungen. 

Seitdem ich den Kindern über die Geburt des Kindes einigen Aufschluß gegeben 
habe, kommen sie nicht mehr 7.u mir. Auch unterläßt jetzt Martha das Zupfen an 
meinem Rock, wenn ich an ihrer Bank vorbeigehe. Interessant ist auch, daß Emma 
seitdem einen viel ruhigeren Schlaf hat, wie mir ihre Mutter berichtete. Das 
Mädchen hatte meistens von der Schule geträumt: es sah sich von schwarzen Männern 
und vom Lehrer verfolgt. Es schrie immer im Traum, dann richtete es sich im Bett 
auf, und aus seinem Mund sprudelten nun die häßlichsten Verwünschungen gegen 
die Schwester, gegen die Eltern und gegen den Lehrer. Am anderen Morgen wußte 
das Kind nie mehr etwas davon. , ' 

Allerdings ist hierbei auch der Umstand zu berücksichtigen, daß mein Vorganger 
gege-i das Mädchen, das durchaus keine guten Fähigkeilen und Kenntnisse besitzt. 
sehr streng war und es wegen seiner schlechten Leistungen oftmals körperlich 
züchtigte. 



Zeitschriften 

Das Heft 2 des Jahrganges 1951 (XVII. Band) der „Internationalen Zeit- 
schrift für Psychoanalyse" herausgegeben von Sigm. Freud (jährlich vier 
Hefte im Gesamtumfang von zirka 600 Seiten, Abonnement M. 28- — ) erscheint im 
August mit folgenden Inhalt: 

Ferenczi: Kindcranalysen mit Erwachsenen — Bernfeld: Die Krise der Psychologie und 
die Psychoanalyse, I: Der Personalismus, William Stern — Alexander: Psychoanalyse und 
Medizin — Fenichel: Über respiratorische Introjektion — Josine Müller (f) : Zur Frage der 
Libidoentwicklung des Mädchens in der genitalen Phase — Reich: Über den epileptischen Anfall 
Behn-Eschenburg: Über eine seltene Deutung des Widerstands — usw. 

* 

Das Heft 2 des Jahrganges 1931 (XVII. Band) der „I m a g o, Zeitschrift für An- 
wendung der Psychoanalyse auf die Natur und Geisteswissenschaften", herausgegeben 
von Sigm. Freud (jährlich vier Hefte im Gesamtumfang von zirka 560 Seiten, 
Abonnement M. 22- — ) ist soeben als Sonderheft „Kriminologie" mit folgendem 
Inhalt erschienen: 

Alexander: Psychische Hygiene und Kriminalität — Alexander: Ein besessener Auto, 
fahrer — Staub: Psychoanalyse und Strafrecht — Staub: Einige praktische Schwierigkeiten der 
psychoanalytischen Kriminalistik — Fromm: Zur Psychologie des Verbrechers und der strafenden 
Gesellschaft — H aun: Strafe für Psychopathen? 



Das Heft 4 des Jahrgangs 1951 (III. Band) der „Psychoanalytischen Be- 
wegung" (jährlich sechs Hefte im Gesamtumfang von zirka 600 Seiten, M. 10- — . 
Einzelheft M. 2-—) erscheint im August als Sonderheft „S c h w e i z", mit folgenden 

Beiträgen schweizerischer Psychoanalytiker: 

S a r a s i n : Die Psychoanalyse in der Schweiz - K i e 1 h o 1 z : Teil und Parricida - P f i s t e r : 
Aus der Analyse eines Buddhisten -Behn-Eschenburg: Ferdinand Hodlers Parallehsmus - 
Zulliger: Teufelsdreck, die Arzenei — usw. 




Eigentümer, Verleger und Herausgeber für Österreich: Adolf Josef Storfer^ Wien, I., Börsegasse i, 
( Verlae der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik ). 
Verantwortlicher Redakteur : Adolf "josef Storfer, W^y B»«^| »^ 
Druck von Emil M. Engel, Druckerei und Verlagsanstalt, Wien, L. In der Börse.